| Im Falle eines (Un-) Falles | |
| Ersthelferausbildung an der RUB | |
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| Angenommen, ich hätte heute Nacht zu wenig geschlafen, heute
Morgen nicht gefrühstückt und übermorgen eine wichtige Prüfung. Dann wäre
es nicht unwahrscheinlich, dass ich gleich einen Schwindelanfall bekäme
und vom Stuhl fiele - Kreislaufkollaps. Da läge ich dann unterm Schreibtisch
und wäre ohnmächtig. Was würde passieren? Hätte ich Pech, würde mich keiner
entdecken oder alle stünden gelähmt herum. Wenn ich aber Glück hätte, dann
wäre ein Büronachbar Ersthelfer und würde sofort zur Tat schreiten: prüfen
ob ich noch reagiere, atme und einen Pulsschlag habe und mich in die stabile
Seitenlage befördern, bis ich wieder zu mir komme. Natürlich will ein so bedachtes Vorgehen gelernt und geübt sein, schließlich ist noch kein Meister von Himmel gefallen. Darum haben sich die 15 Teilnehmer auch für den dreitägigen Ersthelfer-Ausbildungskurs angemeldet. Insgesamt 16 Stunden lang wird Peter Brauckhoff vom Arbeiter Samariter Bund (ASB) mit ihnen den Ernstfall üben, denn der tritt gar nicht so selten ein. Im letzten Jahr wurden an der Ruhr-Uni 59 Arbeitsunfälle gemeldet, 1,7 Mio. geschehen jährlich in Deutschland. Die häufigsten Vorkommnisse an der RUB sind laut Bernhard Sieder, der als Hauptsicherheitsingenieur der Uni für die Organisation der ersten Hilfe zuständig ist, Schnittverletzungen in der Chemie, wo viel mit Glasbehältern gearbeitet wird. Wohl deshalb kamen allein vier Kursteilnehmer kamen den Chemiewerkstätten, da macht jeder irgendwann die Ausbildung. Bernhard Sieder kann aber alle Teilnehmer beruhigen: Die meisten sitzen umsonst im Kurs. Wer 80 Jahre alt wird, muss statistisch in seinem Leben nur einmal erste Hilfe leisten. "Trotzdem: Ersthelfer kann es nie genug geben", sagt Ingenieur Sieder. Der Kurs bereitet aber die Helfer auch auf Autounfälle vor, die auf dem Weg zum Arbeitsplatz passieren können, und auf akute Krankheiten wie etwa Herzinfarkte. Peter Brauckhoff weiß jedenfalls über alles Bescheid. Er ist nicht nur ehrenamtlicher Mitarbeiter des ASB und gibt seit 1992 drei- bis viermal im Monat Ersthelferkurse; hauptberuflich ist er Feuerwehrmann. Zuerst erläutert er das Grobe auf Folien: "Wen rufen Sie zu Hilfe, was meinen Sie wohl? Was müssen Sie dem Notruf alles sagen können? Was tun Sie zuerst? Wie funktioniert überhaupt der Kreislauf, was glauben Sie? Wo genau liegt das Herz? - Sehen Sie: Schon ganz falsch! Wieso kann ein Airbag für einen Helfer gefährlich sein, was meinen Sie wohl? Dann geht es richtig zur Sache. Je ein Teilnehmer liegt als Opfer am Boden, ein anderer rettet ihm das Leben. Gar nicht so einfach: Stabile Seitenlage ohne Arm- und Genickbrüche (beim ersten Versuch oft nur durch Proteste der eigentlich ohnmächtigen "Opfer" zu verhindern), daran denken, dem Opfer die Brille vorher abzunehmen, schlackernde Gliedmaßen im Griff zu behalten. Für ernstere Fälle muss eine Puppe herhalten. Sie wird von allen beatmet, ihr Herz massiert, ihre Rippen gebrochen ("Sehen Sie: Schon ist das Opfer hinüber!"), ihr Puls gefühlt. Das anfängliche Zaudern einiger Damen und die noch brachiale Gewalt mancher allzu wohlmeinenden Herren legen sich bald, so dass schließlich alle das Klassenziel erreichen und Peter Brauckhoff kein Mitleid mehr mit der geschundenen Puppe haben muss. Zum Schluss erhalten die Teilnehmer ein Ersthelferzertifikat, und das haben sie sich auch redlich verdient. Die meisten von ihnen kamen aus freien Stücken zum Kurs, einige hatten auch schon Erfahrungen in erster Hilfe gesammelt, z. B. vor vielen Jahren schon einen Kurs besucht oder bei der Bundeswehr intensiv gelernt. Viele versprachen sich neben einem kühlen Kopf in brenzligen Situationen auch Vorteile für ihre Freizeit - schließlich kann immer was passieren. Die Chance, dass ich Glück hätte und ein ausgebildeter Helfer mich nach meinem Kollaps vom Boden auflesen und retten würde, ist übrigens gar nicht schlecht: An der RUB gibt es 300 ausgebildete Ersthelfer, das sind, wenn man alle Mitarbeiter und Studenten einrechnet, etwa die vorgeschriebenen fünf Prozent. md |
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Erste Hilfe an der RUB |
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| 01.06.2000 |