Virtuelle Fahrstuhlfahrt
   
  Frankreich: Strukturwandel im Vergleich
 
 

Ein gutes Dutzend wissensdurstige Studierende und Lehrende der RUB begaben sich im Frühjahr auf einen zweitägigen Trip in die Bergarbeitervergangenheit Nordfrankreichs. Die Exkursion ins Departement Nord/Pas-de-Calais stellte den gelungenen Abschluss eines interdisziplinären Seminars von Romanisten und Historikern dar. Fragen, die während des Wintersemesters in den Köpfen der Kursteilnehmer/innen schwirrten, waren u.a.: Wie hat die französische Region den Strukturwandel bewältigt? Was wurde im Vergleich zum Ruhrgebiet erreicht? Was wird gegen die ebenfalls hohe Arbeitslosigkeit unternommen?
Nach einer ruhigen Fahrt ins 400 km entfernte Lille erwartete Jürgen Niemeyer (Romanisches Seminar) die Gruppe vor dem "ersten Motel am Platze", dem Formule 1. Zusammen mit Dr. Peter Friedemann (Institut für soziale Bewegungen) hatte Niemeyer ein rundes Programm organisiert. Durch die freundliche, unkomplizierte Hilfe der Stadt Herne - die im Gegensatz zu Bochum über eine französische Partnerstadt verfügt - entstand der unbürokratische Kontakt zur Stadt Hénin-Beaumont. Dort angekommen, wurde die Bochumer Gruppe von Offiziellen der Region begrüßt.
Ein kleiner, rüstiger Mann mit einem Mantel aus den Sechziger Jahren zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich: Henri Claverie (Président der l'Association HENNIUM) begeisterte mit seiner Art sogar die Nichtfrankophonen unter den Studierenden. Der 70-jährige Professor für Archäologie (der zugleich Dichter, Maler und Heimatkundler ist) führte durch die Stadt und wusste an jeder Ecke eine historische Anekdote zu berichten. Die Landführung gestaltete sich ebenso interessant: Claverie vermittelte Wissenswertes über ehemalige Zechen, Brachen und Halden und nutzte jede Chance, eine lustige Begebenheit loszuwerden.
In den Unterlagen der Stadt Hénin-Beaumont fanden sich anschließend aussagekräftige Fakten: Arbeiteten 1968 noch zwei Drittel der 6.000 Arbeiter im Bergbau, hat heute keiner der 7.000 Erwerbstätigen etwas mit Bergbau zu tun. Mit Einkaufszentren fern der City, Metall bzw. Textil verarbeitender Industrie sowie Autoherstellern schafften die Franzosen den Umbruch.
Am nächsten Tag, auf dem Weg zur ehemaligen Zeche in Lewarde, stand der Vergleich mit Herne im Vordergrund. Dr. Friedemann entdeckte hinter jeder Straßenkreuzung "Corons", die typischen, auch aus dem Ruhrgebiet bekannten Bergarbeitersiedlungen sowie zahlreiche Neuansiedlungen u.a. namhafter Autofirmen.
Die Begrüßung in Lewarde fiel erneut herzlich aus. Durch Empfangsschilder geleitet, fanden die 14 Teilnehmer/innen leicht ins "Centre Historique Minier" und erhielten in der Waschkaue eine gelungene Einführung ins französische Bergwesen. Spannend wurde es anschließend: Zusammen mit einem ehemaligen Bergmann begaben sich die Bochumer/innen auf eine Zeitreise durch den Bergbau. Nach einer holprigen Fahrstuhlfahrt hatte man im dunklen, kalten Stollen das Gefühl, Hunderte von Metern unter der Erde zu sein. Dort informierte der "Kumpel" über die Zusammensetzung der Arbeitstrupps, die Benutzung von Pferden unter Tage, den Arbeitseinsatz von Frauen und Kindern über Tage und die Art des Abbaus. Interessant war vor allem, dass bis in die Siebziger Jahre noch mit Holzstempeln gearbeitet wurde, Eisenstempel dagegen nur selten benutzt wurden.
Überrascht bemerkten die Teilnehmer/innen kurz darauf beim Verlassen des angeblichen Stollens, dass die "Unter-Tage-Atmosphäre" bloße Attrappe war. Man wurde nett hereingelegt: Der Gang war überirdisch, die Fahrt im Fahrstuhl bloß simuliert.
Nach dem Mittagessen im "Casino" der ehemaligen Zeche trat die Bochumer Gesandtschaft die Rückreise an. Im Gepäck fanden sich neben Baguette, Salami, Weichkäse haufenweise Infos über den Strukturwandel in Nordfrankreich. Genug Stoff für das nächste Seminar!? Tobias Ertmer

   
   
   
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01.06.2000