Die Richardstraße gibt es nicht
   
  Dokumentation eines Experiments
 
 

Eine ganze Menge Fragen haben Christina Reinhardt für ihre Dissertation "Die Richardstraße gibt es nicht" beschäftigt: Die grundlegendste ist die nach der Rolle und den Möglichkeiten der Wissenschaft, denn als Konstruktivistin ist die Autorin überzeugt, dass der Wissenschaftler seine Erkenntnisse durch seine eigene Person mit beeinflusst - Objektivität ist eine Illusion. Um die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm herauszulocken und den Bezug zur Realität wiederherzustellen, hat sie sich vorgenommen, mit ihrer Forschung buchstäblich vor der eigenen Haustür anzufangen: Sie untersuchte den Mikrokosmos der Nachbarschaft ihrer eigenen Straße, der Richardstraße im Bochumer Norden.
Ziel der Arbeit war es, die Bedeutung lokaler Identitäten und die Funktionsweise von Stadtteilbindung aufzudecken. Dazu hat sie Anwohner nach ihrem Bild der eigenen Straße und Wohnsituation befragt und ihre Äußerungen ausgewertet. Der Reiz des nun dazu erschienenen Buches liegt in der Transparenz der Arbeit: Sie stellt den Leser nie vor vollendete Tatsachen, sondern lässt ihn selbst am Forschungsprozess teilnehmen. Im ersten Teil der Arbeit erwartet ihn die (oft amüsante) Lektüre der ausführlichen Aufzeichnungen von Interviews mit Anwohnern aus der Richardstraße. Hier zeigt sich, wie verschieden die Bewohner ihre Heimat wahrnehmen: Von "nette Nachbarschaft und guter Zusammenhalt" bis "lauter Alkis und Asoziale" sind alle Ansichten vertreten.
Diese Äußerungen interpretiert die Autorin im zweiten Teil - hier wird es theoretisch, denn die Funde der Studie müssen mit bisherigen Forschungsansätzen und Theorien zur Ortsbindung abgeglichen werden. Daraus folgert die Autorin, dass verschiedene Faktoren, wie etwa die eigene Biographie, der Bildungsstand und die Kenntnis und Berücksichtigung bestimmter Regeln der Nachbarschaft Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Umgebung und eine gute oder schlechte Ortsbindung beeinflussen.
Hat man diesen etwas trockenen Einschub überstanden, wird es im dritten Teil wieder persönlicher, denn hier gewährt die Autorin Einblick in ihr eigenes Erleben während der Forschung. In einer Art Tagebuchaufzeichnung beschreibt sie die Entstehung der Idee, ihre Schwierigkeiten bei der Themenfindung und -formulierung und ihre Krisen und Erfolgserlebnisse.
Lesenswert sind vor allem die Beschreibungen der Interviews mit Richardstraßen-Urgesteinen, die die Wissenschaftlerin an den Rand der Verzweiflung getrieben haben. Ihre Bemühungen, zwischen Fotoalben vom letzten Sextourismus-Urlaub und Schilderungen von Depressionen und Selbstmordversuchen die Normalität zu wahren, kann man sich lebhaft vorstellen. Besonders in diesem dritten Teil des Buches versteht der Leser auch die konstruktivistische Betrachtungsweise der Autorin:
Durch diesen persönlichen Einblick, der über die bloße Darstellung des Themas der Arbeit hinauszugehen scheint, gelingt es, dem Leser die Unmöglichkeit einer objektiven wissenschaftlichen Untersuchung spüren zu lassen. Es wird nur zu deutlich, wie sehr die Forscherin selbst in ihre Studie verstrickt ist, wie ihre Persönlichkeit die Art und den Inhalt ihrer Fragen und so auch die Antworten beeinflussen, die sie darauf erhält. md

Christina Reinhardt: "Die Richardstraße gibt es nicht. Ein konstruktivistischer Versuch über lokale Identität und Ortsbindung". Campus Verlag, (Campus Forschung 797) Frankfurt 1999, 208 S., 38 DM

   
   
   
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01.05.2000