Erfahrungsbericht
   
  Berufsplanung und vernetztes Denken
 
 

Abitur! Das Zeugnis in der Tasche, eröffneten sich für mich vielfältige Möglichkeiten. Gegen Unkenrufe und abschreckende Arbeitsmarktprognosen entschied ich mich fürs Studium der Germanistik, weil ich fand, meinen Fähigkeiten und Interessen so am besten zu entsprechen. Diese Entscheidung habe ich im Laufe des Studiums immer wieder für mich überprüft und nie bereut.
Magister! Die erste Freude hat sich gelegt, die letzten Glückwünsche sind verklungen. Und was nun? Alle Welt redet mir zu, Bewerbungen zu schreiben, möglichst viele. Doch an wen? Ich beschreite gewissenhaft den Weg, den Arbeitsuchende zu gehen haben: zuerst zum Arbeitsamt. Ein ebenso ratloser wie freundlicher Herr drückt mir die übliche Broschüre mit Weiterbildungsseminaren in die Hand. In Bergen von Zeitungen studiere ich Stellenanzeigen, ich lese das Branchenverzeichnis, am Computer durchforste ich Jobbörse um Jobbörse, bei diversen Institutionen bestelle ich Kursprogramme und Prospekte. Fündig werde ich aber nicht. Depressionen, anscheinend in kein Schema zu passen, Selbstvorwürfe, womöglich alles falsch gemacht zu haben, kippen um in Wut.
In den Hintergrund geraten bei dieser Art der Jobsuche bin - ich selbst. Ich versuche einen Perspektivenwechsel. Sehr hilfreich dabei wird mir die Methode von John Webb, die ich in seinem Seminar "Berufsplanung und vernetztes Denken" an der RUB kennen lerne. Ihr liegt eine radikale Richtungsänderung zugrunde. Ausgangspunkt der Suche ist nicht das Angebot des Arbeitsmarktes, sondern die eigene Person. Vor der Hinwendung an den Markt gilt es, sich seiner Fähigkeiten, Interessen und auch seiner Ansprüche an Randbedingungen bewusst zu werden.
Erreicht wird dies durch biographische Arbeit, durch Rückbesinnung auf Lebenssituationen, in denen man Besonderes geleistet hat. Ziel ist, charakteristische, übertragbare Fähigkeiten zu finden. Richtschnur zum Erkennen der eigenen Interessen ist das Gefühl. Wobei fühle ich mich wohl? Was begeistert mich?
In einem zweiten, kreativen Schritt werden Fähigkeiten und Interessen zunächst untereinander, dann miteinander kombiniert. Für diese aus persönlichen Daten entstandenen Kombinationen werden mögliche Tätigkeitsfelder gesucht, gefunden, z.T. auch erfunden. Nun beginnt der Brückenschlag zur Arbeitswelt. Wo kann ich das, was ich als Suchinhalt festgestellt habe, finden? Kernpunkt dieser Suchmethode sind die informellen Gespräche mit Menschen, die in der eventuell erstrebten Branche arbeiten.
Informelle Gespräche sind keine versteckten Bewerbungs- oder Vorstellungsgespräche. Sie dienen der Orientierung. Man erhält Infos und Hinweise aus erster Hand. Im Seminar werden informelle Gespräche im Rollenspiel eingeübt. Die Dialogform ist das Herzstück der vorgestellten Methode. Einsamkeit, Anonymität und Beliebigkeit im herkömmlichen Suchverfahren werden aufgebrochen. Statt sich hinter vorgefertigten Schablonen zu verschanzen oder in Opferhaltung zu erstarren, öffnet man sich der eigenen, individuellen, komplexen Persönlichkeit mit ihren speziellen Fähigkeiten und Interessen. Statt sich aus diversen Ratgebern Strategien anzutrainieren, entwickelt man klare Vorstellungen und eine authentische, präzise Sprache.
In informellen Gesprächen begegnet man "echten" Menschen und ihrer konkreten Arbeitswirklichkeit. Eigene Realität und die Realität des Arbeitsmarktes treten in wechselseitigen Bezug. Dieses Verfahren erscheint mir sinnvoller als das wahllose Versenden von Blindbewerbungen. Nicht erst das Finden, schon die Suchmethode verändert die innere Haltung. Sie vermittelt Ansporn und Tatkraft und setzt Kampfgeist frei, da die eigene Verantwortung, die eigene Leidenschaft und nicht nur halbherziger Pragmatismus auf dem Spiel stehen. Ruth Paschek

Das nächste eintägige Training findet am 24. Mai 2000 unter dem Titel "Life/ Work planning" statt. Infos: KoBra, Studierendenhaus SH 2/208, Tel.: 32-23866 oder Email: kobra@ruhr-uni-bochum.de

   
   
   
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01.05.2000