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Wenn eine/r eine Reise tut, dann erzählen wir gerne davon. Vor allem
wenn Studierende der RUB an interessante Orte reisen. Texas ist solch
ein Ort. Nadine Schöneck ist zurzeit dort und berichtet.
Vor mehr als zwei Jahren reifte in mir der Wunsch, im Hauptstudium der
Sozialwissenschaft ein Studienjahr in den USA zu verbringen. Nachdem ich
Anfang 1999, nach Monaten stark herausfordernder Vorbereitungen, ein Teilstipendium
und damit den anvisierten Studienplatz an der University of Texas at Austin
erhielt, geschah zunächst etwas Merkwürdiges. Ich erkannte den Schleier
der Ungewissheit, dem ich entgegen lief, aller Mut verließ mich, und ich
begann, an meiner erhofften Weltoffenheit zu zweifeln.
Glücklicherweise erinnerte ich mich an den einst getroffenen guten Vorsatz,
mit Überzeugung getroffene Entscheidungen nicht rückgängig zu machen.
Nichts hätte mehr an mir genagt, als ausgerechnet an Heimweh im Vorfeld
des Abenteuers zu scheitern. So beschloss ich, Familie und Freunde sowie
mich selbst emotional auf das vorzubereiten, was mich wohl im fernen Westen,
nach Abschluss meines 6. Semesters an der RUB, erwarten könnte.
Seit August 1999 lerne und lebe ich in Austin, der Hauptstadt von Texas,
und meine kühnsten Hoffnungen und Erwartungen wurden während meines 1.
Semesters bei weitem übertroffen! Das im Vergleich
zu Bochum nicht unerhebliche Arbeitsplus lässt sich mit ungewohnt
langen Literaturlisten (charakteristisch für Geisteswissenschaften) sowie
einer signifikant höheren Prüfungsfrequenz - vier angekündigte (große)
Tests und zehn nicht angekündigte (kleine) Tests pro Fach und Semester
- erklären.
Ich belegte vier Kurse in den Fächern Sociology, English und Communication,
fertigte ein freiwilliges "library research paper" im Fach Industrial
Sociology an und erhielt in drei Kursen ein "A" (auf einer Skala von A
bis D bzw. F = failure die beste Zensur), im vierten ein "B" - ein äußerst
erfreuliches Ergebnis, dass meine Motivation für das zweite Semester erhöht.
Trotz aller Arbeit nehme ich mir Zeit für Aktivitäten außerhalb des Studiums
- für mich als Deutschjapanerin ist es eine wunderbare Erfahrung, sowohl
zu Europäern als auch zu Asiaten und Asian Americans leicht Kontakt zu
finden.
Texas zählt zu den sonnenverwöhntesten Staaten der USA. Sonne und Wärme
machen kommunikativ und senken zudem offensichtlich das Schlaf- und Ruhebedürfnis.
Andernfalls ließe sich der große Arbeitsumfang nicht mit dem facettenreichen
Leben abseits der Uni vereinbaren. Zur Halbzeit würde ich sagen: Manches
ist überzeugender, anderes dagegen weniger überzeugend als in Deutschland.
Vieles ist einfach anders; so werde
ich beinahe täglich mit Lebenskonstellationen konfrontiert, die mir fremd
oder kurios erscheinen.
Es ist sehr spannend zu lernen, dass Kuriosität lediglich eine Frage der
Perspektive ist. Ich ahne nun, dass ein längerer Auslandsaufenthalt für
die feinen Unterschiede sensibilisiert, die mit unterschiedlichen kulturellen
Backgrounds zusammenhängen. Gelegentlich ertappe ich mich dabei, für Dinge
Dankbarkeit zu verspüren, die ich zuvor für eine Selbstverständlichkeit
hielt.
Nach Abschluss meines Studienjahres in Austin werde ich einen Monat durch
die USA reisen. Anschließend plane ich ein zweimonatiges Praktikum in
einem amerikanischen Unternehmen. Zum WS 00/01 werde ich wieder in Bochum
sein - für fünf Diplomprüfungen, plus Diplomarbeit und mit der großen
Hoffnung, eine gute Portion des wertvollen Wissens, das ich hier wie zu
Hause erhielt, an zukünftige internationale Studenten weitergeben zu können.
Nadine Schöneck
Infos: nadine.schoeneck@mail.utexas.edu (bis Mitte Mai). Die RUB hat
übrigens eine Partneruni in Texas, die Texas A & M University, 90 Meilen
östlich von Austin gelegen; Infos dazu unter www.ruhr-uni-bochum.de/bochum-aggies/tamu_d.html.
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