"Nur mal ne kurze Frage"
   
  Studie zu Sprechstunden
 
 

Profs sieht man meist nur aus großer Distanz, wenn man selbst in der Masse im Hörsaal untergeht. Die Ausnahme bildet die Sprechstunde. Hier sitzt man ihr und ihm direkt gegenüber und könnte eigentlich über alles reden, z. B. über wichtige Studien- oder Abschlussarbeiten und Prüfungen. Leider sieht die Realität anders aus: Vor allem für Studis verlaufen die Sprechstundengespräche oft unbefriedigend, und geredet hat eigentlich nur der Prof. Zu diesen und anderen Erkenntnissen kommen Dr. Dorothee Meer und Prof. Wolfgang Boettcher (Germanistisches Institut). Die beiden haben rund ein Jahr lang Sprechstunden an der RUB per Tonband aufgezeichnet und ausgewertet. Ihre Studie wird im Juni unter dem Titel "Ich hab' da mal ne ganz kurze Frage. Umgang mit knappen Ressourcen. Sprechstundengespräche an der Hochschule" im Luchterhand Verlag erscheinen. Zuvor jedoch verriet uns Dr. Meer einige Details der Untersuchung.

Wie haben Sie selbst in Ihrer Studienzeit Sprechstunden erlebt? War das früher lockerer?
Nein, das war früher auch schon nicht leicht. Ich habe Sprechstunden als unangenehm empfunden. Ich habe zwar von Haus aus in Auseinandersetzungen ein eher unangekratztes Selbstvertrauen, kann aber aus eigener Erfahrung gut verstehen, dass man schon ganz schön genervt ist, wenn man lange warten muss, um an die Reihe zu kommen. Das Widerstandspotential ist dann nicht mehr so groß, selbst wenn es um die eigenen Anliegen geht. Und allzu großes Interesse haben Lehrende an Widersprüchen häufig nicht. Das ist bis heute im Wesentlichen so geblieben.

Welche grundlegenden Erkenntnisse haben Sie bei Ihrer Untersuchung gewonnen?
Was besonders auffällt - und in der Deutlichkeit vielleicht auch erstaunt -, ist die Tatsache, dass die Redeanteile von Lehrenden und Studierenden sehr einseitig verteilt sind. Es gibt enorm lange Ausführungen von Lehrenden, dagegen stehen kurze Ausführungen von Studierenden. Vor allem tun Lehrende nur sehr selten etwas - wie etwa Rückfragen stellen oder Interesse bekunden -, um die Studierenden von sich aus in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie kommt das denn, dass die Studierenden eher den Mund halten und brav zuhören?
Klassisches Verhaltensmuster ist, das passt eben auch zu den Redeanteilen, dass vor allem die Studentinnen als Erstes auf das Wissen der Lehrenden zusteuern. Deren "große" Kompetenz sozusagen herausfordern. Sie kommen rein, stellen sich vor, formulieren ihr Anliegen und verlassen sich von da an auf das Wissen der Lehrenden. Dabei sind sie sehr zurückhaltend mit eigenen Kompetenzen, die sie kommunikativ kaum zur Verfügung stellen. Männliche Studierende bringen schon mal eher eigenes Wissen ein und leisten eher Widerstand. Aber die Mehrzahl der Studierenden scheint ohnehin mit der Überzeugung in so ein Gespräch zu gehen, dass sie wenig können und nichts gelernt haben.

Was sollten Lehrende denn anders machen?
Bei längeren Themen: Mehr Einzeltermine vereinbaren, da man sich dann besser auf die jeweiligen Studierenden einstellen kann. Gezielt die Überlegungen und das Wissen der Studierenden ansprechen, um ihre Kompetenzen zu verdeutlichen. Trotzdem müssen sich die Studierenden natürlich an wissenschaftlichen Standards messen lassen, aber zum Glück gibt es da beim "Wie" der Vermittlung Spielräume.

Gab es denn auch Lehrende, die Ihre Beobachtungen in Sprechstunden lästig fanden?
Ja, leider, das empfand wohl die Mehrzahl der angesprochenen Lehrenden so. Die sagten dann halt "Nein", manchmal unter dem Vorwand, die Studierenden würden sich dann bedrängt fühlen. Das war vor allem dann interessant, wenn die Studierenden schon "Ja" gesagt hatten. Ich verstehe zwar, dass ein Aufnahmegerät am Anfang eines Gesprächs immer eine Behinderung darstellt, aber letztlich sollten ja alle von den Ergebnissen profitieren. Schließlich waren einige Lehrende aber auch ein Stück weit an den Ergebnissen interessiert.

Versuchen Sie auch, mit Ihrer Studie Professoren "wachzurütteln" oder Denkprozesse in Gang zu setzen?
Es gibt momentan eine breite Diskussion über die Qualität der Lehre. Ich hoffe natürlich, dass unser Projekt dabei auffällt, die Studie allein, das wäre illusorisch, kann nicht mit festgefahrenen Lehrmaßstäben aufräumen. Insoweit ist die Diskussion über die Qualität der Lehre wichtig und darin möchte ich mitmischen.

Das Interview führte Laura Streitbürger

 

 

Steckbrief Dr. Meer
Dr. Dorothee Meer spricht beim Thema "Sprechstunden" aus eigener Erfahrung, schließlich kennt sie das Unileben seit mehr als 15 Jahren. Im Rahmen ihres Studiums an der RUB (Russisch und Germanistik) verbrachte sie auch mehrere Semester im Ausland. Später promovierte sie in Germanistik (Thema: Mündliche Prüfungen an der Hochschule, RUBENS 39) und war eine der ersten Mentorinnen in Bochum. Heute arbeitet die 36-Jährige als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut sowie am Weiterbildungszentrum der RUB.

   
   
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01.05.2000