Zyklische Wahl
   
  EDITORIAL
 
  Wahlkampf im Lande. Die Hauptkontrahenten übertreffen sich gegenseitig mit Peinlichkeiten. Der Eine (Wolfgang Clement, SPD) erklärt in Anbetracht eines Slogans der CDU und der bevorstehenden Wahl ihrer neuen Parteivorsitzenden: "Die neue Kraft im Westen ist nur eine Frau aus dem Osten" und erwischt damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: "nur eine Frau" und "nur aus dem Osten". Eine vollkommen überflüssige Bankrotterklärung an die Versuche von gelebter Gleichberechtigung und Wiedervereinigung - und damit die Disqualifizierung Clements als Landesvater.
Wenn es der Gegner nicht ebenso bunt triebe. Jürgen Rüttgers (CDU), Deutschlands vormaliger Wissenschafts- und Bildungsminister, entblödet sich nicht, per Postkarte den Kampfruf "Kinder statt Inder" ("Mehr Ausbildung statt mehr Einbürgerung") ins Feld zu führen, um gegen die von Bundesregierung und Wirtschaft geforderte "Green Card" für Computerexperten zu protestieren - und platziert sich so in der ausländerfeindlichen Ecke.
Gleichwohl ist die Hälfte von Rüttgers Forderung durchaus richtig: Deutschland soll selbst dafür sorgen, dass genügend IT- bzw. Computerexperten im Lande sind, damit man sie nicht aus anderen Ländern (wie Indien) "exportieren" muss. Allerdings hat Rüttgers während seiner Amtszeit rein gar nichts dafür getan, dass in Deutschland Fachleute für den IT-Bereich ausgebildet werden. Genau wie die Entscheider der Wirtschaft und die Bildungsminister der Länder (NRW eingeschlossen) ließ er es geschehen, dass junge Leute ihre Studienwahl zyklisch, also blauäugig trafen: Es werden gerade keine Informatiker (oder Ingenieure oder Physiker) gebraucht, also studiere ich etwas Anderes.
Groß angelegte Kampagnen wie jetzt (für oder gegen die "Green Card") wären vor fünf oder zehn Jahren angebracht gewesen, die Botschaft wäre so einfach wie unverfänglich gewesen: Studiert antizyklisch! Aber nein, erst jetzt kommen sie (Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände) aus ihren Löchern und fordern und haben es natürlich schon immer gewusst - vorher und besser.
Leider nutzen auch die Appelle z. B. der Bochumer Ingenieurwissenschaftler nichts. Sie rufen regelmäßig zum antizyklischen Studium auf, doch verhallen ihre Rufe weitgehend ungehört im ahnungslosen Politgebrabbel über "Ingenieurschwemme" oder "Überschuss an Elektrotechnikern". ad
PS: Vor kurzem stand eine interessante Prognose in der Zeitung: Demnächst werden wir zu wenig Lehrer/innen haben. Also, ihr jungen Leute: Wählt am 14. Mai, wen ihr wollt, aber studiert auf Lehramt!
   
   
   
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01.05.2000