16.500 Karteileichen?
   
  Graduiert und weiter immatrikuliert
 
  Fast jede/r zweite Studierende (16.597) an der RUB befindet sich im 13. oder einem höheren Hochschulsemester. Einige von ihnen streben zielsicher den Abschluss an, andere pendeln gedanklich zwischen Abschluss und Abruch, wieder andere haben bereits abgebrochen, die letzte Gruppe schließlich besitzt längst einen schönen Hochschulabschluss. Allen 16.597 Studierenden gemeinsam ist, dass sie auf den Studierendenausweis und seine Vorteile nicht verzichten mögen.
  Drei schöne, große und helle Zimmer unterm Dach, Einbauküche, geräumiger Balkon nach Südwest, hochwertige Möbel und ein herrlicher Blick ins Grüne, alles in allem über 90 qm zu einem angemessen Preis. Gitta und Mario haben es geschafft, wie man so sagt, beiden geht es prima: finanziell, gesundheitlich und so weiter.
Eigentlich gibt es keinen Grund, dass sie nicht mit ihren richtigen Namen genannt werden wollen. Wenn da nicht dieser Ausweis wäre. Beiden ist es etwas unangenehm, ihn noch zu besitzen, den "Ausweis für Studentinnen und Studenten der Ruhr-Universität Bochum". Marios Ausweis stammt aus dem Jahre 1989 und wird mittlerweile von 20 bunten Marken verziert, Gittas ist zwei Jahre jünger und entsprechend um vier bunte Marken ärmer.
Hier die tolle, teure Wohnung, dort die Ausweise - haben wir es also mit zwei Studierenden zu tun, denen es finanziell ganz besonders gut geht? Leider nicht. Studierende, denen es finanziell ganz besonders gut geht, sind selten. Gitta und Mario sind graduiert, besitzen einen Magister in Publizistik bzw. in Germanistik, Mario seit 1994, Gitta seit 1996, beide sind dennoch weiter eingeschrieben an der RUB.
"Ich war im Juli 1994 fertig", erklärt Mario, "und hatte zunächst keinen festen Job. Also habe ich mich im September für den Promotionsstudiengang Publizistik eingeschrieben. Ich hatte zwar nicht wirklich vor zu promovieren, aber diese Option war mir immer noch lieber, als vollkommen ohne Perspektive zu sein. Im Oktober habe ich eine befristete Stelle bekommen und mich natürlich nicht umgehend exmatrikuliert, weil ich ja nicht wusste was passiert, wenn der Vertrag ausläuft."
So ging es zunächst weiter in Marios Berufsleben, immer wieder befristete Stellen. Mittlerweile hat er eine unbefristete. Ans Exmatrikulieren denkt er trotzdem nicht. "Man kann ja nie wissen", sagt er und räumt gleichzeitig ein, dass der gültige Studierendenausweis einen unschlagbaren (und bekannten) Vorteil besitzt: das Semesterticket. "Für etwa 20 DM im Monat freie Fahrt im ganzen Ruhrgebiet und ein bisschen weiter, das ist echt stark. Und ich finde, es ist immer noch besser, nicht ganz berechtigt für wenig Geld Bus und Bahn zu fahren, als sich allein ins Auto zu setzen."
Andererseits, so Mario weiter, reduzierten sich die finanziellen Vorteile des Ausweises ohnehin mit zunehmendem Alter; von den als Student pro Semester ersparten knapp 1.200 Mark, wie kürzlich von der Uni Mannheim errechnet wurde, bliebe nicht viel übrig, so Mario. Er ginge weder in die Mensa, noch wohne er im Wohnheim, außerdem zahle er sowohl Rundfunk- als auch Kontoführungsgebühren und auch die vollen Beiträge zur Sozialversicherung. "Als Schmarotzer würde ich mich jedenfalls nicht bezeichnen."
Auch Gitta stand nach Abschluss des Studiums kurzzeitig mit leeren Händen da. "Für mich kam eine Promotion allerdings nicht in Frage", sagt sie, "ich habe mich deshalb für Sozialwissenschaft eingeschrieben. Ich hatte schon die Studienordnung gelesen und wäre im Wintersemester tatsächlich eingestiegen. Doch dann bekam ich einen Job." Auch Gitta meldet sich seitdem fleißig zurück.
Einen offiziellen Sammelbegriff (denkbar wäre "Scheinstudenten" oder "Karteileichen") für Studierende wie Gitta und Mario gibt es nicht, gesondert erfasst werden sie ebenso wenig. Im Dezernat 1 der RUB (Angelegenheiten der Selbstverwaltung, Hochschulstruktur und -planung) erklärt man, dass eingeschriebene Studierende mit Abschluss rein statistisch einen gemeinsamen Pool mit nicht exmatrikulierten Abbrechern und so genannten Langzeitstudierenden (in der Regel ab dem 13. Hochschulsemester) bilden.
In der vom Dezernat 1 herausgegeben Broschüre RUBRIK gibt es eine bemerkenswerte Statistik für das WS 98/99 (S. 32, 33), in der die Studierenden der RUB (außer Beurlaubte, Gasthörer, Zweithörer, Studienkolleg und Deutschkurs) nach Fächern und Hochschulsemestern (1.-2. HS; 3.-12. HS; ab 13. HS) unterteilt aufgeführt sind. Demnach ist Mario einer von 148 Publizist/innen ab dem 13. HS (bei 371 erfassten), Gitta eine von 1.195 Sozialwissenschaftler/innen ab dem 13. HS (bei 1.943 erfassten).
Insgesamt befinden sich laut RUBRIK 16.597 Studierende der RUB im 13. oder in einem höheren Hochschulsemester; das entspricht einem Anteil von 47 % (bezogen auf die berücksichtigten 35.153 Studierenden). Es wäre interessant herauszufinden, wie viele dieser 16.597 Langzeitstudierende - und damit noch an der RUB - sind bzw. wie viele überhaupt nichts mehr mit der Uni zu tun haben, weil sie längst einen Abschluss besitzen oder das Studium abgebrochen haben, sich dennoch regelmäßig rückmelden.
Das allerdings ist eine andere Geschichte. Erzählt man sie, landet man automatisch bei den Gebühren für Langzeitstudierende, in Baden-Württemberg immerhin empfindliche 1.000 Mark pro Semester. Würde diese 1.000 Mark ausschließlich die Studierenden treffen, so gibt es einen weiteren Aspekt, der die Uni selbst erheblich irritieren müsste: Schließlich gehen erstmals Bundesländer dazu über, staatliche Mittel nach Leistungskriterien an ihre Hochschulen zu verteilen; wer beispielsweise viele Absolventen innerhalb der Regelstudienzeit vorweisen kann, erhält mehr Geld. "Wer viele Langzeitstudierende vorweisen muss, kann die 1.000 Mark pro Semester gut vertragen", könnte man fortsetzen. An der RUB flößen so jährlich über 32 Mio. Mark zusätzlich in die Kasse. Man sollte diese Geschichte lieber nicht erzählen.
Gitta und Mario sehen die Ruhr-Uni zweimal im Jahr, im März und im September, um sich rückzumelden. Als "Scheinstudenten" oder "Karteileichen" fühlen sie sich allerdings nicht, den Bezug zur Uni haben sie keineswegs verloren, erklären sie. Erst neulich flatterte Mario ein Schreiben seines (ehemaligen) Fachs ins Haus, dort wird gerade eine Vereinigung für Ehemalige gründet. Mario möchte beitreten, um seine ehemaligen Kommilitonen wieder zu sehen, er möchte auch den Kontakt zu den Professoren halten.
Ob und wann die beiden sich möglicherweise doch exmatrikulieren werden, können sie nicht sagen. "Wenn ich eines Tages mit langem grauen Bart in der Bahn sitze und immer noch den Studentenausweis mit dem uralten Foto vorzeigen muss, wird's vielleicht doch zu peinlich", sinniert Mario. Man sieht ihm an, dass er sich nicht vorstellen kann, eines Tages einen langen grauen Bart zu tragen. ad
   
   
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01.02.2000