| Innovo, ergo sum | |
| Unklassische Philologie in Bochum | |
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| Es tut sich was am Standort Bochum: Anstatt in einer Art Totstellreflex die Segnungen des Qualitätspakts und die drohende Überprüfung besonders der "kleinen" Fächer durch den Expertenrat abzuwarten, hat Prof. Dr. Reinhold F. Glei (Seminar für Klassische Philologie) einen besonderen Vorstoß unternommen: An der RUB soll ein (in dieser Form einmaliger) Lehr- und Forschungsschwerpunkt "Neulateinische Philologie" aufgebaut werden. Fakultät und Rektorat haben dafür im Zuge von Bleibeverhandlungen Mittel bereitgestellt. | |
| Die Neulateinische Philologie befasst sich mit allen Texten
in lateinischer Sprache, die von der frühen Neuzeit (14./15. Jh.) bis zur
Gegenwart entstanden sind. Diese Textmasse, die bisher nicht annähernd vollständig
erfasst ist, dürfte die der antiken lateinischen Texte um das 1.000- bis
10.000-fache übertreffen; hier liegt demnach ein nahezu unerschöpfliches
Betätigungsfeld für die Latinistik. Eine ganz wesentliche Aufgabe besteht z.B. in kompetenter Hilfe bei der Aufarbeitung der Wissenschaftsgeschichte, sind doch die Erkenntnisse der neuzeitlichen Wissenschaften lange Zeit ausschließlich, bis ins 19. Jh. wenigstens zu großen Teilen, in lateinischer Sprache niedergeschrieben worden: Nicht nur Descartes' berühmte Meditationen (s. Motto), nicht nur Newtons und Keplers bahnbrechende Werke, sondern auch frühe Schriften Kants oder die mathematischen Abhandlungen Eulers und Gauß' sind lateinisch verfasst. Andere, längst vergessene Schriften lassen sich wieder entdecken, z.B. ein Brief von Papst Pius II. an den türkischen Sultan Mehmet, in dem er den Moslem zum Christentum zu bekehren sucht, oder ein enzyklopädisches Lehrgedicht über die Naturforschung des 18. Jahrhunderts, das u.a. die erste poetische Beschreibung eines Mikroskops enthält. Letztere Beispiele gehören zu Drittmittelprojekten, die bereits vom MSWWF und von der DFG gefördert werden, und sind nur zwei von vielen Themen, die zur Zeit am Lehrstuhl für Klassische Philologie bearbeitet werden. Weitere Vorhaben befassen sich z.B. mit humanistischen "Supplementen", also Ergänzungen unvollständig erhaltener antiker Literatur, mit einem epischen Gedicht über das Schachspiel oder mit der Rezeption bedeutender neulateinischer Werke wie der "Utopia" des Thomas Morus. Bereits jetzt kann das weite Gebiet der neulateinischen Literatur in Bochum als Wahlschwerpunkt im Lehramts- und Magisterstudium Latein studiert werden; für die nahe Zukunft ist ein selbstständiger Studiengang "Neulateinische Philologie" geplant, wie es ihn in Deutschland noch nicht gibt. Dabei handelt es sich notabene nicht um das persönliche Hobby eines Hochschullehrers: Die hier skizzierte zeitliche Ausweitung der Latinistik über die Antike hinaus wird vielmehr von der Schule und anderen Institutionen längst nachgefragt und stellt für das Fach eine wissenschaftliche Verpflichtung dar. Letztlich aber ist der notwendige Strukturwandel auch eine Frage der Existenz, denn wer sich im Darwin'schen Verteilungskampf um knapper werdende Ressourcen autonom oder gar autark wähnt, ist in Wahrheit nur autistisch. Die "Klassische" Philologie kann nur überleben, wenn sie so bald und so radikal wie möglich "unklassisch" wird. Dass dies gerade in Bochum geschieht, entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn wo ließe sich der Strukturwandel eines "klassischen" Faches besser realisieren als an der Ruhr-Uni? Reinhold F. Glei |
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| 01.02.2000 |