Gewalt hat zwei Geschlechter
   
  Engagierte Frauenforschung
 
  "Frauen sind keine universelle Opfergruppe, doch im Rahmen bewaffneter Auseinandersetzungen werden sie meist alle in ihren Lebensbereichen vergewaltigt", so die derzeitige Gastprofessorin für Internationale Frauenforschung der RUB, Dr. Mirjana Morokvasic-Müller. Deshalb gehören gerade sie - neben den Alten und Kindern - zur größten Gruppe der Flüchtlinge.
Um Flucht und Vertreibung ranken sich viele Metaphern und Mythen, ebenso um die brutalste Form der Gewalt gegen Frauen, die Vergewaltigung. Ihre Häufigkeit in Kriegen wird, so Morokvasic-Müller, oft überschätzt. Als Menschenrechtsverletzung geahndet wird sie erst in Verbindung mit Genozid, als weiblicher Fluchtgrund nur in Kanada und Österreich anerkannt. Vergewaltigung bezieht Dr. Morokvasic-Müller jedoch nicht allein auf die sexualisierte Gewalt, sondern sie fasst ebenso die Erschütterungen der gesellschaftlichen Normalität wie Verlust von Angehörigen und Besitz darunter. Frauen raffen aber nicht nur im Krieg ihre letzte Habe zusammen und entscheiden sich zur Flucht. Allein der Mangel an juristischen und politischen Rechten treibt sie zum Fortgang, wenn sie als Trägerin einer übergeordneten Familienehre der Norm nicht entsprechen und schon deshalb um ihr Leben fürchten müssen.
Als Politikberaterin bei der UNESCO und EU sowie als Dekanin der Arbeitsgruppe "Migration" bei der Internationalen Frauenuni auf der Expo 2000 ist Morokvasic-Müller die differenzierte Erforschung des Zusammenhangs von Geschlecht, Krieg und Gewalt ein besonderes Anliegen, bei der sie die deutsche Beteiligung im Jugoslawienkrieg nicht ausklammert: "Deutschland hat sich dadurch von der eigenen Geschichte distanziert und sie sogar banalisiert", meint sie.
Mit diesem Blickwinkel versammelte sie Ende Januar namhafte Wissenschaftler/innen aus Sri Lanka, Ruanda und dem Iran zu einem zweitägigen Workshop zu "Geschlecht, Krieg und Gewalt" ins Euro-Eck der RUB, um die notwendige Differenzierung im Täter/innen- oder Opferstatus zu beschleunigen. Dabei fand auch sexualisierte Gewalt gegen Männer Beachtung. Morokvasic-Müller: "Wissenschaft muss die Zwischentöne hervor kehren und darf nicht nach dem Schwarz-weiß-Muster verfahren. Aber Krieg hebt die Zwischentöne auf und malt alles nur in ein Schwarz oder Weiß." Doch wenn in der Tagespolitik schnelle Lösungen gefragt sind, gelangt die Wissenschaft viel zu langsam zu neuen Erkenntnissen. Deshalb laufe die Zusammenarbeit schleppend, so die gebürtige Jugoslawin bedauernd, komme die Wissenschaft nicht über den Status hinaus, das Bewusstsein zu schärfen und verweigere die Verantwortung, handlungsanleitend zu sein. tas
 

Das Buch zum Thema: Der Marburger Sammelband vermittelt den aktuellen Diskussionsstand zu Menschenrechten und Menschenrechtsverletzungen aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und der in Arbeit stehenden Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Pro Asyl oder der Lobby für Menschenrechte. Deren Geschäftsführerin, die Psychologin Monika Gerstendörfer, verweist in ihrem Beitrag auf den weltweiten "Femizid" an 90 Mio. Frauen und Mädchen, die nach den letzten UN-Schätzungen fehlen, ausgerottet u.a. durch gezielte Abtreibungen wie in China, Kriegsvergewaltigungen sowie in "Friedenszeiten" durch genitale Verstümmelung oder gezielte Angriffe gegen Frauen in der Sexarbeit. tas

G. Sommer / J. Stellmacher / U. Wagner (Hrsg.): Menschenrechte und Frieden. Schriftenreihe des Arbeitskreises Marburger Wissenschaftler für Friedens- und Abrüstungsforschung an der Uni Marburg, Band 22, 1999, 394 S., DM 30.

   
   
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01.02.2000