| Hören wie die Hasen | |
| Serie: Medizinhistorische Sammlung | |
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| In der Zeit der Jäger und Sammler war ein gutes Gehör Voraussetzung
fürs Überleben. Um Geräusche aus der Entfernung besser wahrnehmen zu können,
entwickelten die Menschen die intuitive Geste, eine Hand hinter das Ohr
zu legen. Zur weiteren Verbesserung der Schallaufnahme benutzte man Muscheln
oder hohle Tierhörner. Die Natur war es auch, die Giovanni Battista della Porta inspirierte, einen trichterförmigen Fortsatz des Ohres zur Steigerung des Hörvermögens vorzuschlagen. In seiner "Natürlichen Magie" von 1560 begründete er dies mit seiner Beobachtung, dass "alle Thiere mit langen Ohren als Hasen, Hirsche usw." ein besonders scharfes Gehör hätten. Der Jesuit Athanasius Kircher beschrieb 1650 eine Hörhilfe von besonderen Dimensionen. In seinem römischen Refugium hatte er sich ein "trichterförmiges blechernes Rohr" anbringen lassen, dessen weite Öffnung "gegen den Hof hinunter gekehrt war, die engere Öffnung aber in seinem Zimmer". Vermittels dieses Rohres konnte der Türhüter ihn "ohne laut zu rufen von diesem oder jenem benachrichtigen". Die "Sammlung von Natur- und Medicin-Geschichten" berichtete 1718 von einem "Kunst-Ohr, vor die, so schweres Gehör seyn". Dabei handelte es sich um ein künstliches Trommelfell: Das Pergament vom Ochsendarm "wird auf einen runden Reifen gezogen, wie man das Fell über eine Drommel spannt, so daß das künstliche und das natürliche Ohr zusammen eine ganze Drommel ausmachen. Das künstliche Tympanum stellt das Fell vor, worauf geschlagen wird." Eine schöne Überlegung, die allerdings physiologisch völlig unsinnig war. In der Folgezeit bediente man sich wieder der Erfahrung, dass sich die Schall verstärkenden Eigenschaften trompetenförmiger Instrumente zur Hörverbesserung verwenden ließen. Doch man war sich der Grenzen bewusst. Die ersonnenen Apparaturen konnten "zwar nicht deren gantz Tauben, aber doch den Übelhörenden zu Hülffe kommen, so, wie die Brillen nicht den Blinden, sondern nur den Übelsehenden dieneten". Es entstanden zahllose "Hörmaschinen", "Schallfänger" oder "akustische Sessel". Eine andere Überlegung, durch Verstärkung der Knochenleitung eine Gehörverbesserung zu erzielen, wurde im 18. Jahrhundert entwickelt. Auch der schwerhörige Beethoven, der über eine ganze Sammlung von Hörrohren verfügte, soll sich bisweilen dieses Prinzip zunutze gemacht haben. Mit Hilfe eines Holzstiels, den er zwischen den Zähnen hielt und dessen anderes Ende auf dem Klavier ruhte, heißt es, habe er komponiert. In der radiobegeisterten Zwischenkriegszeit lebte diese Technik wieder auf. Nach dem Motto "Das Hören mit den Zähnen!" wurde 1925 das "Osophon" angepriesen: "ein Radiohörer für Schwerhörige". Hörhilfen wie das abgebildete Instrument gehen auf den Prediger Johann Heinrich Duncker zurück, der sich seinen 1829 vorgestellten "Hörschlauch" patentieren ließ. Er besteht aus einem trichterförmigen Mundstück, in das der Gesprächspartner hinein spricht. Am Ende des ca. 80 cm langen Schlauches ist ein olivenförmiger Ansatz angebracht, der in den Gehörgang des Schwerhörigen gesteckt wird. Derartige Geräte fanden weite Verbreitung und behaupteten sich neben den trichterförmigen Hörrohren aus Holz, Metall oder Zelluloid bis in die 1920er-Jahre. Anfangs des 20. Jahrhunderts konstruierte man erste elektrische Hörapparate, die auf den Kohlemikrofonen des Telefons basierten. Nach der Erfindung des Transistors 1947 wurden immer kleinere Geräte gebaut. Vom "Hinter-dem-Ohr-Gerät" ging die Entwicklung bis zum ersten implantierbaren Hörgerät, das 1988 vorgestellt wurde. Michael Martin |
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| 01.02.2000 |