Mäuse im Container
   
  Heim für Versuchstiere
 
  Schräg hinterm ND, gleich am Beginn des Botanischen Gartens, steht seit kurzem ein großer Containerkomplex. Mitte Januar wurde er seiner Bestimmung als Tierhaltung für Mäuse übergeben. Bis zu 3.500 Tiere werden hier demnächst leben. Mit einer Temperatur von 22 Grad, einer Luftfeuchtigkeit von etwa 55 % und weiteren einschlägigen Maßnahmen werden die "Richtlinien zum Halten von Versuchstieren" eingehalten - durch Genehmigung des Ordnungsamts der Stadt Bochum wurde das bestätigt.
Die geräumige, speziell eingerichtete Containeranlage, die auf den ehemaligen Fischbecken der Biologen steht, unterteilt sich in verschiedene Einheiten. Zunächst betritt man den so genannten Servicebereich, der Vorbereitungs- und Reinigungsfunktion hat. Von dort gelangt man zum einen in einen "konventionellen" Haltungsbereich und zum anderen über eine Personenschleuse mit Dusche in einen abgeschirmten Barrierenbereich mit besonders hohem Hygienestatus, dem außerdem ein Labor vorgeschaltet ist. Die Tiere leben in standardisierten Behältern aus hitzesterilisierbarem Polycarbonat auf nahezu keimfreier Einstreu, mit keimarmem Futter vor Infektionen weitestgehend geschützt.
Drei Männer kümmern sich um sie: der Tierpfleger Peter Clement, der Chemotechniker Werner Müller und der Tierarzt Dr. Roland Jung; weitere Tierpfleger/innen sollen eingestellt werden. "Kümmern", das heißt z. B., darüber zu wachen, dass die Tiere gesund sind, dass sie optimal versorgt werden, dass sie ein funktionierendes Sozialleben führen und dass über sie Buch geführt wird.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass den drei Betreuern das Wohlergehen der Tiere ("Mäuschen") sehr am Herzen liegt. Dennoch steht fest: Die Tiere stehen im Dienst der Wissenschaft. Sie leben, um beobachtet und untersucht zu werden. Das endet auch nicht mit ihrem Tod, denn danach liefern Gewebeuntersuchungen ihrer Organe weitere wichtige Informationen. Tierarzt Jung weist auf eine besondere Zweckbestimmung der Haltung und ihrer Insassen hin: "Hier werden genetisch veränderte Mäuse erzeugt. Die gezielte Manipulation einzelner Gene soll es ermöglichen, ihre Rolle bei der Entstehung von Erkrankungen des Zentralnervensystems (z.B. Alzheimersche und die Parkinsonsche Krankheit sowie Schizophrenie) zu entschlüsseln. Im günstigsten Fall können sich aus den Untersuchungsbefunden bereits neue Ansätze für Therapien ergeben."
Die genetische Veränderung freilich erfolgt nicht im Container, sondern in den Laboratorien des Lehrstuhls für Tierphysiologie im ND. Dessen Leiter, Prof. Hermann Lübbert, war einer der Motoren der Errichtung des Stalles, und das gleich doppelt: als Lehrstuhlinhaber und als Unternehmer. Seine Firma Biofrontera Pharmaceuticals GmbH beteiligte sich an der Finanzierung und hat im Gegenzug ein Nutzungsrecht für einen Teil der Tierhaltungskapazität. Die restliche Finanzierung übernahmen die Lehrstühle für Tierphysiologie und Zellphysiologie (Prof. Hanns Hatt), die RUB sowie der Lehrstuhl für Molekulare Neurobiochemie (Prof. Rolf Heumann). Über dessen Versuchen mit den Mäusen schwebt die Frage: Wie kann man das Überleben von Nervenzellen fördern?
Die drei Verantwortlichen für die Tierhaltung haben bereits an anderen Unis Erfahrung in der Versuchstierhaltung gesammelt. Bei aller Liebe zu "ihren" Tieren schätzen sie die Bedeutung der Tiere für die biomedizinische Grundlagenforschung und hoffen, dass ihre Arbeit mit den Tieren zur Heilung von kranken Menschen beiträgt. Was immer die Zukunft des neuen Tierhauses bringen wird: Tierpfleger Clement ist auf extreme Situationen vorbereitet. Er war früher Tierpfleger im Zoo und kümmerte sich um - die Elefanten. ad
   
   
   
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01.02.2000