Der sterbende Stier
   
  Wie man in Spanien (f)Feste feiert
 
  Am Anfang stand eine wunderbare Männerfreundschaft - die zwischen dem Kulturwissenschaftler Dr. Karl Braun von der Karls Universität in Prag, derzeit an der Uni Frankfurt, und dem Bochumer Romanisten Prof. Manfred Tietz. Diese Beziehung wurde mit netten Gesprächen bei rotem Vino, aber auch beim gemeinsamen Besuch der Stierkampfarena gepflegt. Dann folgte eine Einladung zum Hispanistentreff an die RUB im WS 99/00.
Die Feste feiern, wie sie fallen - "der Mitteleuropäer denkt beim Stierkampf sofort ans Blut, der Spanier dagegen, wie das Tier zu führen ist", so Braun. Ein Stier, so berichtete er an der RUB und ist in seinem Buch über den "Tod des Stiers" nach zu lesen, gehört schon seit Menschengedenken zu einer gelungenen spanischen Feier. Im 11. Jahrhundert ließ man - wie noch heute in Pamplona üblich - bei Königshochzeiten die Stiere los und das Volk rannte mit ihm durch die Gassen. Es suchte die Nähe des Tieres, um es an Hörnern und Körper zu berühren. Im 16. Jahrhundert stritten sich weltliche und geistliche Macht. Philipp II. setzt die Bannbulle des Papstes, die ein Verbot der Tierspiele beinhaltet, nicht um, weil er das, so Braun, "seinen Spaniern nicht antun konnte."
Am Ende des 18.Jahrhunderts, dem Beginn der Moderne, verlagert sich der dörfliche Stierlauf in die städtische Kampfarena, wo sich seitdem die zwei "Superbullen" - Mann und Stier - alleine gegenüber stehen. Vieles beim Stierlauf, der Corrida, und der Publikation Brauns dreht sich um Potenz, Fruchtbarkeit, Blut und Opfer, und bei allem Drängeln vom Mann um das Tier liegt die Vermutung nahe, dass die schwitzende und jagende Horde die darin gar nicht vorkommende Frau einfach durchs Tier ersetzte, obwohl es unter den Torreros auch Ausnahmen gibt wie die Torrera Christina Sánchez.
Das Auf und Ab der Macht im Verhältnis zwischen Stier und Mann gibt eine homophile Beziehung wieder, die stellvertretend für die Konkurrenz von Männern untereinander steht und regelmäßig in der Öffentlichkeit vor den Frauen inszeniert wird, so Braun. Das Franco-Regime in Spanien wusste solche Masseninszenierungen beim Stierkampf für sich zu nutzen, und nachdem sein politischer Zusammenbruch Ende 1975 nahte, wollten viele Spanier/innen nichts mehr mit dem Stierkampf zu tun haben. Auch meldeten sich immer mehr Tierschützer zu Wort, die sich gegen die aufs Sterben ausgerichtete Zucht der Tiere wandten.
In einem vereinten Europa sollte man aber nun nicht die Nase über die rückständigen Spanier rümpfen, denn fast vor der Haustür im Bochumer Stadtteil Höntrop fordert beim jährlichen Rosenmontags-Gänsereiten Vergleichbares den Protest von Tierschützer/innen heraus.
Kostverächter ist auch Buchautor Braun nicht. Er selbst mag am liebsten das frische Fleisch des wilden Opfers aus der Arena. Pan y Vino (Brot und Wein) gab's dann nach seinem Stierkampfvortrag an der RUB für die semesterfrischen Jung-Hispanist/innen zum gegenseitigen Kennenlernen - vielleicht ein Startschuss neuer wunderbarer Freundschaften, erst einmal aber ohne Arenabesuch. tas
  Karl Braun: Der Tod des Stiers. C.H.Beck'sche, München, 244 S., DM 48.
   
   
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03.01.2000