Schwingen zwischen Statik und Dynamik
   
  Afrikaner aus Bochum berät in Sachen Karriere
 
 

Das Büro von Bauingenieur Onyeama Afu Oji aus Nigeria liegt günstig am Bochumer Dr. Ruer-Platz. Auch nach seiner Promotion 1991 bei Prof. Eckard Reyer (Baukonstruktion, Ingenieurholzbau und Bauphysik) und dem Start in die Selbstständigkeit blieb Oji der RUB verbunden. Seine Vorträge zu Dynamik und Statik beziehen sich nicht nur auf die technische Seite, sondern finden sich auch in seiner Lebenseinstellung als Afrikaner in der deutschen Gesellschaft wieder. Jetzt plant er für afrikanische und asiatische Studierende an der RUB eine Karriereberatung mit interkulturellem Know-how. Zu diesen und weiteren Plänen befragte ihn Thea Struchtemeier.

Die Afrikanisch-Asiatischen Wissenschaftler/innen organisierten sich erstmals Ende der fünfziger Jahre in Deutschland. Sie forderten deutsche Sprachkurse und gemeinsame Studentenwohnheime für afrikanische, asiatische und deutsche Studierende. Getragen waren solche Ideen vom Selbstbewusstsein der einzelnen Nationen und der Bandung-Konferenz, die mit den Namen Nehru, Nasser oder Sukarno verbunden ist. Was denken afroasiatische Wissenschaftler/innen heute?
Es gibt viele Meinungen und Schwerpunkte zum Thema Integration. Ich bin kein Sozialexperte, sondern Wissenschaftler im technischen Bereich. Für mich, der ich täglich zwischen zwei Kulturen hin und her pendele, ist die kulturelle Identität wichtiger als die Reintegration. Dazu habe ich damals 1988 an der RUB ein internationales Seminar geleitet, das ein Höhepunkt unserer Arbeitskreis-Aktivitäten war. Alle internationalen Wissenschaftler/innen bestätigten, dass man auch im Ausland seine Identität bewahren kann.

Erschwert eine gefestigte Identität nicht den Kontakt mit der neuen Aufnahmegesellschaft?
Für mich ist Identität etwas Dynamisches. Das heißt, je länger wir hier leben und je mehr Gruppen wir kennen, desto mehr lernen wir hinzu. Das erfahre ich auch als Wissenschaftler, wenn ich mich mit neuen Themen auseinandersetze und mich ihnen nicht widersetze. Persönlich bin ich weder Deutscher noch ein Afrikaner wie früher, sondern eine Mischung aus Beidem, etwas Neues, und darin kann man auch Identität bewahren.

Bei der kulturellen Identität sind Sie nicht stehen geblieben. Sie haben im August in der Düsseldorfer Landeszentrale für politische Bildung noch ein anderes Anliegen vertreten ...
Ich trete für die Selbstorganisation afrikanischer Migrant/innen ein. Die Deutschen brauchen da keine Angst vor uns zu haben. Es gibt keine Gefahr für die deutsche Gesellschaft, wenn sich Menschen gemeinsam treffen und austauschen.

Sie verstehen, das Gemischte zu leben - auch bei der Kopplung von sozialem Engagement und beruflichem Wissen. Was planen Sie Neues auf diesem Gebiet?
Ich möchte mit der RUB eine Karriereberatung in Form einer außeruniversitären Hilfe für ausländische Studierende anbieten. Dazu habe ich ein Konzept entwickelt und schon mit einigen Leuten an der Uni darüber gesprochen. Derzeit betreue ich ausländische Studierende als Praktikanten in meinem Büro, zeige, worauf es in der Praxis ankommt. Aber das besitzt keinen offiziellen Charakter und könnte noch besser organisiert werden. Dies käme dann auch den Studierenden zugute.

Wo benötigen ausländische Studierende konkrete Tipps?
Das hat auch etwas mit der kulturellen Identität zu tun. Studierende aus Nigeria kommen mit einer anderen Lernerfahrung nach Deutschland. Die haben nach der Paukermethode gelernt und versuchen alles mit dem Taschenrechner zu berechnen. Das aber dauert lange, dabei passieren noch Rechenfehler. Während der Arbeit mit Deutschen sehen die dann, dass diese Kollegen anders arbeiten. Die greifen die erforderlichen Maße innerhalb einer Minute mit dem Lineal ab - schließlich muss es nicht sofort millimetergenau sein. Aber noch nach mehreren Jahren in Deutschland haben ausländische Studierende Probleme mit der Arbeitsweise. Deshalb müssen die so schnell wie möglich - das heißt, schon zu Beginn des Semesters - wissen, was und wie verlangt wird, um keine wertvolle Zeit zu verlieren. Dabei möchte ich ihnen mit meinen Erfahrungen zur Seite stehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Literatur zum Thema
Das letzte Jahrbuch der Afrikanisch-Asiatischen Studentenförderung beschäftigt sich mit der "Reintegration" der ausländischen Akademiker/innen ins Heimatland. Anschaulich beschreibt darin der Palästinenser Hamdallah Neserat die Zerrissenheit zwischen "Nicht hier und nicht dort" und den Konflikt zwischen Bleiben-Wollen und Nicht-Bleiben-Können. Der Soziologiedozent räumt mit dem Vorurteil auf, dass Akademiker mit Auslandsstudium nach der Rückkehr sofort eine Arbeit finden. Auch im Heimatland besitzen die akademischen Zeugnisse nicht mehr eine so große Bedeutung. Am Ende akzeptiert er seinen Zwiespalt als neu erworbene Lebenseinstellung. Bis heute gab es keine Reintegrationsdiskussion an deutschen Hochschulen. Das Buch will diese Lücke schließen. tas

"30 Jahre Reintegrationsdiskussion an deutschen Hochschulen. Beiträge zu einem interkulturellen Wissenschaftsverständnis und zu den internationalen Wirtschaftsbeziehungen". IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation 1998, 197 Seiten, DM 36,80.

   
   
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03.01.2000