Herzerfrischende Mission
   
  Bochumer Mediziner leisten Entwicklungshilfe in Surinam
 
 

Wer in Europa von gutem Fußball schwärmt, denkt zurzeit vor allem an die niederländische Nationalmannschaft. Schnell fallen einem Patrick Kluivert oder Edgar Davids ein - Spieler, deren Wurzeln erkennbar nicht in den Niederlanden selbst, sondern in der ehemaligen Kolonie Surinam liegen. Mehr als den Namen des südamerikanischen Landes kennt man hierzulande kaum. 14 Ärzte und Pfleger des Bergmannsheil wissen mehr.Sie sind bislang zweimal in Surinam gewesen und zeigen dabei, dass humanitäre Hilfe sehr kreativ sein kann.

Anfang November 1998 wird ein gigantischer Container am Seehafen von Rotterdam auf ein Frachtschiff verladen. Er ist voll gepackt mit hochwertigem medizinischen Gerät, mit Verbandsmaterial und Medikamenten. Sein Ziel ist die Republik Surinam, das ehemalige Holländisch Guayana, nördlich von Brasilien an der südamerikanischen Küste gelegen. Zwei Wochen später erreicht das Schiff Surinam und wird dort von 14 Medizinern der Bochumer Uniklinik Bergmannsheil erwartet. Sie beginnen umgehend, das wertvolle Gut auszupacken und für seinen Weitertransport zu sorgen.
Nur einer der 14 weiß ein paar Monate zuvor überhaupt von der Existenz des kleinen Landes. Der Herzchirurg Dr. Krishna Khargi ist in der surinamesischen Hauptstadt Paramaribo geboren, verlässt jedoch mit einem Jahr das Land und wächst wie viele seiner Landsleute in den Niederlanden auf. Bis 1995 lebt und studiert er in Leiden, dann wechselt er als Oberarzt an die Uniklinik für Herz- und Thoraxchirurgie im Bochumer Bergmannsheil. Khargis Verbindung nach Surinam reißt indes niemals ganz ab. Bei einem Besuch in der Heimat trifft er Anfang 1998 den Direktor des Akademischen Krankenhauses von Paramaribo, Dr. Parmessar, und wird von ihm um Hilfe gebeten: Das Krankenhaus, für die medizinische Versorgung eines Großteils der surinamesischen Bevölkerung zuständig, benötigt dringend eine Abteilung für Herzchirurgie und hofft hierbei auf Unterstützung aus Bochum.
Die Bitte wird umso verständlicher, wenn man sich vor Augen führt, welche Mühen Surinams Herzpatienten bislang auf sich nehmen müssen: "Da sie daheim nicht operiert werden können, müssen sie in die Niederlande, also ans andere Ende der Welt geflogen werden und sind dort meist völlig auf sich allein gestellt", erklärt Khargi und fügt hinzu: "Die Kosten für Transport, Eingriff und Krankenhausaufenthalt werden über die Entwicklungshilfe der Niederlande für die ehemalige Kolonie zwar gedeckt, das Geld fehlt dann jedoch für andere wichtige Projekte. Eine Operation in Holland kostet etwa 50.000 DM pro Patient, in Surinam würde sie nur 15.000 kosten."
Vier weitere Aspekte sprechen für ein humanitäres Bochumer Engagement in Südamerika: Das Bergmannsheil verfügt mit rund 1.000 Herzoperationen pro Jahr über ein reichen Erfahrungsschatz. Zweitens würde man die Hilfe nicht allein leisten, denn mit der Uniklinik Maastricht hat Dr. Parmessar bereits einen Partner auf anderen medizinischen Gebieten. Drittens ist erwiesen, dass eine gut funktionierende Herzchirurgie - aufgrund der Spezialgeräte und des Wissens der Chirurgen - automatisch auch eine Verbesserung der anderen medizinischen Leistungen bedingt. Viertens sind in Surinam verhältnismäßig viele junge Menschen herzkrank. Eine Herzchirurgie mit guter Diagnostik wäre folglich auch für die surinamesische Volkswirtschaft von Bedeutung. Bei der geringen Population (rund 425.000) und den vielen Auswanderern in die Niederlande wird jede Arbeitskraft im Lande benötigt.
Krishna Khargi ist überredet und gewinnt rasch Mitstreiter. Prof. Axel Laczkovics (Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie) signalisiert seine Zustimmung, und viele Kollegen am Bergmannsheil erklären sich spontan bereit, nach Surinam zu fliegen, um vor Ort zu helfen. Maßgeblich ist jedoch die Meinung des Krankenhausträgers, der Bergbau Berufsgenossenschaft. Ihr Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Breuer gibt sein Okay im August 1998. Anfang November 1998 schließlich wird in Bochum der zunächst auf drei Jahre angelegte Kooperationsvertrag zwischen dem Akademischen Krankenhaus Paramaribo, der Uniklinik Maastricht und dem Bergmannsheil unterzeichnet. Ziel ist der Aufbau einer Abteilung für Herzchirurgie in Paramaribo. Dazu wird ein intensiver Austausch zwischen Medizinern der Kliniken vereinbart.
Für die mit hohem logistischem Aufwand verbundene Gründung einer Herzchirurgie werden normalerweise rund 30 Mio. DM veranschlagt. Geld ist jedoch nirgendwo vorhanden. Doch in Bochum profitiert man vom Organisationstalent der einzelnen Mitstreiter und gewinnt innerhalb kurzer 76 Sponsoren, die medizinisches Material (darunter Operationssets, Katheder, Herzklappen) im Wert von mehreren Millionen DM spenden bzw. leihweise hochwertige Geräte wie Herz-Lungen-Maschinen bereitstellen. So beschränken sich die Kosten auf ein Zehntel des Üblichen: knapp 3 Mio. DM.
Im Winter 1998 führt das Team um Krishna Khargi in Surinam die ersten 25 Operationen durch, die Mediziner versorgen Patienten mit einem Bypass oder einer neuen Herzklappe. Die surinamesischen Kollegen schauen bei der Arbeit zu und lernen. Schließlich sollen sie eines Tages selbst in der Lage sein, erfolgreiche Herzoperationen durchzuführen. "Operationsschwestern brauchen dafür ungefähr ein Jahr, Assistenzärzte rund zwei Jahre, die ausführenden Spezialisten etwa drei Jahre", erläutert Krishna Khargi.
Nach der ersten Bochumer Visite im Winter 1998 sind im April 1999 die Maastrichter Kollegen an der Reihe. Ihnen folgen im September/Oktober 1999 wiederum die Bochumer. Zwischendurch besuchen Mediziner aus Surinam Deutschland und die Niederlande. Die nächsten gegenseitigen Besuche sind fest terminiert.
Besonders stolz ist Initiator Khargi auf den letzten Aufenthalt in Paramaribo. Innerhalb von drei Wochen wurden 31 Patienten operiert. Dr. Khargi weiß, dass solche Erfolge nur mit einer wirklich guten Mannschaft zu erzielen sind; er nennt in gängigen Schlagworten die notwendigen Fähigkeiten, die jeder Einzelne mitzubringen hat: "Kompetenz, Flexibilität, Kreativität und Teamgeist." Darüber hinaus muss vor Ort ein ungeheurer Einsatz geleistet werden, zwölf Stunden tägliche Arbeit sind der Normalfall, zum Teil wird nachts gearbeitet, hinzu kommen Bereitschaft und Notdienste.
Dr. Khargi, der den Hilfseinsatz als "Mission" begreift, hat am eigenen Leib erfahren, womit dieser Einsatz belohnt wird. "In praktisch jeder freien Minute werden wir zum Essen oder zu Ausflügen eingeladen." Hinzu kommen die unschätzbaren persönlichen und fachlichen Erfahrungen, welche die Mediziner in einem fremden Land sammeln können - und selbstverständlich das Gefühl, geholfen zu haben.
Obwohl das Krankenhaus Paramaribo mittlerweile auf eine eigene medizinische Ausstattung zurückgreifen kann, ist der Aufbau der Herzchirurgie längst nicht abgeschlossen. Dennoch zieht das Projekt bereits ungeahnte Kreise. Vertreter von Surinams Nachbarländern haben kürzlich informell bei Direktor Parmessar angefragt, ob das frisch erworbene Know-how denn nicht weiter gegeben werden kann. In Französisch Guayana und Englisch Guayana existiert ebenfalls keine Herzchirurgie, und die Patienten werden zwecks Operation nach Paris bzw. London geflogen ... Arne Dessaul

 

 

Steckbrief Surinam
Die Republik Surinam, ehemals Niederländisch Guayana (deshalb ist Niederländisch Amtssprache), liegt an der Küste Südamerikas nördlich von Brasilien. Der Großteil der Bevölkerung (insgesamt: 425.000) lebt in einem 50 km breiten Küstenstreifen am Atlantik; dort liegt auch die einzige Stadt: Paramaribo (ca. 200.000 Einwohner), gleichzeitig Hauptstadt. Der Rest des rund 160.000 qkm großen Landes ist undurchdringlicher Regendschungel. Surinam zählt mit seiner Armutsrate von rund 63 % zu den ärmsten Entwicklungsländern der Welt. Im Land leben Inder (37 %), Indianer (3 %), Indonesier (14 %), Kreolen (31 %), Schwarze (9 %) und sonstige ethnische Gruppen (6 %). Seit 1975 ist Surinam unabhängig von den Niederlanden.

   
   
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03.01.2000