Sexy Body
   
  Soziologische Reise
 
  Ein 60-cm-Dekoltée, aber ein 6-cm-Absatz. Wo oben gekleckert wird, wird unten geklotzt. So wird halb nackt, aber voll beschuht mit Glitzerröckcken und pomadisiertem Lackhaar unterm Schlapphut zu argentinischenTangorhytmen übers Parkett gefegt. Die Akademiker/innen mögen den Tango am liebsten, unter ihnen die Lehrer/innen, die Software-Expert/innen, Psycho- und Physiotherapeut/innen oder andere mit studierter oder praktischer Körpererfahrung. Die Tango-Szene verfügt über Geld, ein paar Brocken Spanisch und viel Zeit, so Paula-Irene Villa (Fakultät für Sozialwissenschaften) in der Veröffentlichung ihrer Dissertation "Sexy Bodies". Vieles in der Publikation Villas dreht sich um Empfinden, Begehren, Fühlen, Penis, Körperöffnungen oder "-inseln". Als Teil einer Körpersoziologie beschäftigt sich Villa mit dem "Geschlechtskörper", dessen Wissenschaftlichkeit "im akademischen Milieu nicht ohne weiteres einsichtig ist", beklagt sie.
Auf der Reise durch diesen Körper streift Villa Bereiche wie (Hetero-) Sexualität, Interaktionsrituale, Transsexualität, Hormone, Travestie und vieles andere mehr. Die Essenz ihrer Arbeiten ist, dass der natürliche Geschlechtskörper im Grunde ein kulturelles Konstrukt von Natur ist. Villa versteht ihre Arbeiten als "rekonstruktiv und exegetisch". Sie rekonstruiert die unterschiedlichen Forschungsansätze zum Thema Geschlechtskörper, versteht ihr Anliegen als Orientierungshilfe und Einführung. Sie will anregen zur phantasievollen Reflexion, die neugierig machen, aber auch irritieren soll. Am Ende der Reise, so die Studie sinngemäß, wisse man weniger als vorher. Dafür aber werde der Körper zu einer "aufregenden Grundkategorie des Sozialen". Ein abschließender Essay über den argentinischen Tango stellt nochmals klar, wie "Geschlechterordnung" auf dem rutschigen Parkett praktisch lautet: der Mann führt, die Frau spürt. Die anregende Publikation wird durch zahlreiche Abbildungen ergänzt. tas
  Paula-Irene Villa: Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Leske + Budrich, Opladen, 269 Seiten, DM 29.
   
   
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03.01.2000