Immer zu zweit: Attisch-schwarzfigurige Hydria: Die Dioskuren
   
  Serie: Kunsthistorische Sammlung
 
  Die Inschriften des Bildes - links Polydeukes, rechts Kastor (die Inschrift "Telesei" in der Mitte bleibt unverständlich) - benennen die beiden Reiter als die Dioskuren, Zwillingssöhne des Zeus. Sie reiten auf den Betrachter zu und blicken dabei einander an. Polydeukes hat Helm, Speere, Schild und Beinschienen eines Kriegers, Kastor nur Filzkappe und Pferdepeitsche (kentron). Unten schnüffelt ein (ehemals) weißer Hund.
Allem Anschein nach wurden die Dioskuren bereits im vordorischen Griechenland überall verehrt. Sie galten als Retter in aller Not, vor allem im Kampf und in Meerstürmen. Das ausschlaggebende Merkmal ihrer Existenz ist ihre Zwillingshaftigkeit; kaum jemals tritt einer von beiden allein auf. Für die Vasenmalerei stellt sich daher das Problem, wie dieses so entscheidende Merkmal ins Bild zu setzen wäre. Stellt man sie beide in einem Nacheinander oder in einer Tiefenstaffelung dar, wird sich eine Hierarchisierung niemals vermeiden lassen: Der Eine wäre dem Anderen immer voraus.
Nur eine einzige Raumachse kann die Hierarchisierung vermeiden, kann zu wirklicher Standfestigkeit in Bezug zu Raum und Zeit führen, jene Raumachse nämlich, die in Abwesenheit einer realitätsadäquaten Perspektive vom Rahmen des Bildes paradoxerweise nicht begrenzt wird. Nur solche Figuren, die einer von vorn nach hinten oder umgekehrt verlaufenden Achse parallel sind, können der gegenseitigen Unterordnung entkommen. In dem Maße, in dem beide Reiter niemanden als sich selbst wahrzunehmen scheinen, wird ihre geradezu ausschließliche Bezogenheit zum Bildzeichen eines Freiseins von jedem Außenbezug, einer selbstgenügsamen Entrücktheit, während zugleich die auf Raum und Zeit bezogene Gleichheit als ein kategorialer Bildbegriff für Zwillingshaftigkeit wirksam wird, und zwar prinzipiell und allein in dieser Kombination von Frontalität und Verdopplung.
Bei der Effizienz derartiger innerbildlicher Maßnahmen ist die Benennung der Dioskuren gleichsam vorgegeben und das Beschreiben der Namen bloße Bestätigung des Sachverhalts, der in der Bildgestalt bereits unmissverständliche Wirklichkeit geworden war.
Nobert Kunisch
   
   
   
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03.01.2000