| Vom Campus in die Stadt | |
| Haus der Geschichte | |
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| Ein Schilderwald am Eingang des großen Ziegelsteinbaus in
der Clemensstraße, Geruch von frischer Farbe durchzieht das Treppenhaus,
ein leerer Umzugskarton gähnt verschämt aus dem Erdgeschoss entgegen, wo
der Fußboden noch die Spuren des Vorgängers trägt. Nebenan im Keller basteln
Techniker gerade an der hochmodernen ISDN-Anlage, deshalb ist die Verbindung
zwischen Universität und der im November eröffneten "Stiftung Bibliothek
des Ruhrgebiets" noch nicht vollkommen und wird mittels Handy aufrecht erhalten. Am Eingang warten aber schon die Bibliotheksmitarbeiterinnen Ulrike Moritz und Beate Hepprich auf Benutzer/innen der Bibliothek, um bei der anfänglichen Orientierung zu helfen. Improvisationstalent ist in den ersten Wochen der neuen Ruhrgebietssammlung gefragt. "Wir müssen noch die neuen Bestände kennen lernen", so Ulrike Moritz, die vom RUB-Campus ins runderneuerte Gebäude des ehemaligen Bergverlags schräg gegenüber vom Bochumer Schauspielhaus in der Innenstadt mitzog. Die Kollegin von der Essener Bergbau-Bibliothek, Beate Hepprich, findet "die neue Situation spannend." Ein Gast betritt den Empfang, ein fragender Blick in die Runde - wo befinden sich Schließfächer und Garderobe? "Sorry", so die Antwort an der Pforte, "die Garderobe befindet sich links in der Ecke, Schließfächer haben wir noch nicht. Stellen Sie die Tasche doch an der Eingangstür ab." Zusammen gewachsen, was zusammen gehört - unter diesem Stichwort wechselten im Oktober und November 450.000 Bücher ihren Standort. Die einen wurden aus der ehemaligen Essener Bergbau-Bibliothek nach Bochum geschleppt, die anderen aus dem RUB-Institut für soziale Bewegungen (ehemals Institut für die Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung). Der Rest von über 50.000, der Bestand der ehemaligen IG Bergbau und Energie, lagert noch in der Uni und wird auf Dubletten hin untersucht. "Die werden dann gar nicht erst mit eingepackt, sondern an befreundete Institute weitergegeben", so der geschäftsführende Leiter des Instituts für soziale Bewegungen und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Prof. Dr. Klaus Tenfelde. "Mit den Büchern", so der Hausherr weiter, "zogen aber auch zwei verschiedene Personalkörper zusammen in ein neues Haus der Geschichte im Ruhrgebiet, die sich jetzt erst einmal aneinander gewöhnen müssen." Fast 500.000 Bücher in Bewegung zu setzen ist kein Pappenstiel. Eine eigens auf Bibliotheksumzüge spezialisierte Firma nahm vorher Maß und beförderte nach einem systematischen Kettenprinzip die Bücher an die richtige Stelle. Die Mitarbeiter/innen der Stiftung hatten gleichzeitig die Regale signiert, damit die Meterware auch richtig hinein passte. Alles klappte wie am Schnürchen - nur der Einbau einer der Glanzanlagen des Instituts, die Doppelstockanlage mit dem eingezogenen und rollstuhlgerechten Zwischenboden, zog sich in die Länge. Dann klappte es doch noch: Gerade noch rechtzeitig am Wochenende vor dem entscheidenden Umzug konnten die Regale aufgebaut werden. Der Ortswechsel vom Campus in die Innenstadt bringt auch einen Wechsel lieb gewordener Gewohnheiten mit sich. Die Personalrätin und Bibliotheksangestellte Renate Scheuerpflug vermisst die Nähe zur Uni, freut sich aber über ihren hellen Arbeitsplatz im eigenen Büro. Aber durch die Stadtnähe wird die Ruhrgebietsbibliothek auch näher ins kritische Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt und die Arbeit beobachtet. Der schnelle Weg in die Mensa ist für die 18 Institutsmitarbeiter/innen nun auch nicht mehr möglich. Stattdessen war mit dem Verwaltungsdirektor des Schauspielhauses, Alexander von Maravic, und dem Kulturdezernenten der Stadt, Ulrich Küpper, die Benutzung der gegenüber liegenden Kantine des Theaters abgesprochen. Das stieß aber mit dem Argument, die Schauspieler äßen gemeinhin "geschminkt" und könnten sich beobachtet fühlen, auf wenig Gegenliebe und wurde dann noch im Vorfeld abgebogen. Den neuen Nachbar/innen blieb ein weiteres "Haar in der Suppe" erspart, die sie jetzt ein paar Meter weiter in der Kantine des Finanzamtes auslöffeln. tas |
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| 03.01.2000 |