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Seit Ende der achtziger Jahre unterhielt die Citibank ein Call Center
in Bochum, in dem zuletzt über 400 meist studentische Teilzeitkräfte tätig
waren. Für die meisten von ihnen bildete das Center die Existenzgrundlage
für ihr Studium, viele waren dort seit Jahren beschäftigt; z. T. engagierten
sich die Studierenden über die Arbeit hinaus im Betriebsrat des Centers
und sorgte dafür, dass sich die Arbeitsbedingungen stetig verbesserten.
Im August 1998 wurden Pläne der Bank bekannt, das Bochumer Center zu schließen,
um es durch ein neues in Duisburg zu ersetzen. Die Bochumer Mitarbeiter/innen
sollten zwar die Möglichkeit bekommen, nach Duisburg zu wechseln. Allerdings
sollte dies zu veränderten Bedingungen vonstatten gehen, vor allem ohne
Mitbestimmung.
Viele Studierende wollten dies nicht akzeptieren; andererseits mussten
sie ihr Studium weiterhin finanzieren. 73 von ihnen wollten zudem nicht
länger Spielball der Großbank sein, stattdessen ergriffen sie die Initiative
und brüteten die Idee einer Firmengründung aus. Immerhin hatten die Studierenden
jahrelang Erfahrungen im Bereich Telefondienstleistungen sammeln können,
hatten bei der Arbeit im Betriebsrat Einblicke in Unternehmensführung
und andere betriebs-, rechts- und sozialwissenschaftliche Felder gewonnen.
Darüber hinaus besaß jede/r einzelne Studierende bestimmte Qualifikationen,
sei es in Fremdsprachen, Neuen Medien oder Psychologie. Warf man all dies
in einen Topf, erhielt man eine gesunde Basis für ein eigenes Unternehmen.
Ein Teil des notwendigen Startkapitals konnte über die Abfindungen der
Bank gewonnen werden.
Im April 1999 gründeten die 73 eine eigene
GmbH. Der Name war schnell gefunden: Tekomedia (Teko = Telekommunikation),
ebenfalls die passenden Büros (im Technologiezentrum TZR, vormals MB).
Außerdem wurden zwei Geschäftsführer/innen gewählt, Marie-France Hermann
und Robert Kehl. Abgesehen von diesen rechtlich vorgeschriebenen Posten
verzichtet man bei Tekomedia vollkommen auf Hierarchien. "Bei uns gibt
es nur Zuständigkeiten", sagt Hannes Oberlindober, einer der Köpfe hinter
Tekomedia. Alle Teilhaber/innen bringen sich mit ihren speziellen Fähigkeiten
ein, der Anglist Oberlindober kümmert sich u. a. um Öffentlichkeitsarbeit.
Er erklärt, warum sich Tekomedia für den Campus der Ruhr-Uni als Standort
entschieden hat: "Viele von uns studieren hier, und wenn wir uns demnächst
vergrößern, finden wir gleich vor der Haustür weiteres hoch qualifiziertes
Personal. Außerdem möchten wir gerne mit der Ruhr-Uni zusammenarbeiten.
Wissenschaftler können unsere alternativen Arbeits- und Organisationsformen
erforschen. Umgekehrt können wir in Seminaren unsere Erfahrungen in Sachen
Existenzgründung oder Selbstorganisation weitergeben."
Auch in der Arbeit selbst unterscheidet sich Tekomedia von anderen Telefondienstleistern.
Herrscht dort oftmals eine durch und durch devote Haltung gegenüber den
Kunden ("Was darf ich für Sie tun?"), setzt man bei Tekomedia auf Kreativität
und Multimedia. Die Jungunternehmer bieten Schulungen an (Internet, Bewerbungen,
Telefonanlagen), setzen einen Netzdetektiv für die Recherche im Internet
ein, gestalten Webseiten oder liefern mittels "Telefonbutler" maßgeschneiderte
Angebote für gestresste Freiberufler (Weckdienst, Anruf- und Faxdienst,
Sekretariat etc.).
Mit solchen ausgefeilten Angeboten hat man
längst einen festen Kundenstamm etabliert und hofft, demnächst
einen ganz großen Fisch an Land zu ziehen: Gewerkschaften. Nicht nur Unternehmen
lagern viele ihrer Aktivitäten aus und beauftragen damit Call Center,
sondern auch (soziale) Einrichtungen wie die Gewerkschaften. Im Normalfall
sind Gewerkschaftsbüros von 8 bis 16 Uhr besetzt. Wer erst später dort
anrufen kann, hat Pech. Ein Call Center hingegen arbeitet zum Teil rund
um die Uhr. Da einige Tekomedia-Teilhaber/innen gewerkschaftlich tätig
waren und sind, können sie den Anrufern ebenfalls helfen. Wartet Tekomedia
hier auf Anrufe, kann es ebenso aktiv tätig werden, z. B. bei Rückholaktionen:
Wird ein Gewerkschaftsmitglied arbeitslos, tritt es oft automatisch aus
der Gewerkschaft aus, weil es denkt, nun keine Leistungen mehr zu erhalten.
Das ist falsch und kann durch einen zügigen Anruf vom Call Center geklärt
werden.
Die möglichen Aufgaben für Tekomedia sind also vielfältig, deshalb macht
sich Hannes Oberlindober auch keine Sorgen um die Zukunft des neuen Unternehmens.
Immerhin ist der Start geglückt, und rund 70 Studierende haben eine gute
Perspektive, ihr Studium auch weiterhin finanzieren zu können. Möglicherweise
können sie in absehbarer Zeit sogar ihren Kommiliton/innen einen Job anbieten.
ad
Mehr über die studentische GmbH im Netz: www.tekomedia.de
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