Kreativ statt devot
   
  73 Studierende gründen gemeinsame Existenz
 
  Sie haben auf dem Campus der RUB ein Multimedia Service Center gegründet. Mittelfristig bieten sie dort Studierenden Arbeitsplätze an. Statt auf bloße Dienstleistung setzen sie auf qualifizierten Service mit zukunftsweisenden Arbeitsformen, Fremdsprache, Weiterbildung, Netzdetektiven und wissenschaftlichem Know-how. Sie streben eine aktive Zusammenarbeit mit den Instituten der RUB an und möchten langfristig selbst ein Institut (an) der RUB sein. Die 73 größtenteils studentischen Gesellschafter/innen der Tekomedia GmbH haben einiges vor, dabei entsprang die Idee zur Existenzgründung einer reinen Notsituation.
 

Seit Ende der achtziger Jahre unterhielt die Citibank ein Call Center in Bochum, in dem zuletzt über 400 meist studentische Teilzeitkräfte tätig waren. Für die meisten von ihnen bildete das Center die Existenzgrundlage für ihr Studium, viele waren dort seit Jahren beschäftigt; z. T. engagierten sich die Studierenden über die Arbeit hinaus im Betriebsrat des Centers und sorgte dafür, dass sich die Arbeitsbedingungen stetig verbesserten. Im August 1998 wurden Pläne der Bank bekannt, das Bochumer Center zu schließen, um es durch ein neues in Duisburg zu ersetzen. Die Bochumer Mitarbeiter/innen sollten zwar die Möglichkeit bekommen, nach Duisburg zu wechseln. Allerdings sollte dies zu veränderten Bedingungen vonstatten gehen, vor allem ohne Mitbestimmung.
Viele Studierende wollten dies nicht akzeptieren; andererseits mussten sie ihr Studium weiterhin finanzieren. 73 von ihnen wollten zudem nicht länger Spielball der Großbank sein, stattdessen ergriffen sie die Initiative und brüteten die Idee einer Firmengründung aus. Immerhin hatten die Studierenden jahrelang Erfahrungen im Bereich Telefondienstleistungen sammeln können, hatten bei der Arbeit im Betriebsrat Einblicke in Unternehmensführung und andere betriebs-, rechts- und sozialwissenschaftliche Felder gewonnen. Darüber hinaus besaß jede/r einzelne Studierende bestimmte Qualifikationen, sei es in Fremdsprachen, Neuen Medien oder Psychologie. Warf man all dies in einen Topf, erhielt man eine gesunde Basis für ein eigenes Unternehmen. Ein Teil des notwendigen Startkapitals konnte über die Abfindungen der Bank gewonnen werden.
Im April 1999 gründeten die 73 eine eigene GmbH. Der Name war schnell gefunden: Tekomedia (Teko = Telekommunikation), ebenfalls die passenden Büros (im Technologiezentrum TZR, vormals MB). Außerdem wurden zwei Geschäftsführer/innen gewählt, Marie-France Hermann und Robert Kehl. Abgesehen von diesen rechtlich vorgeschriebenen Posten verzichtet man bei Tekomedia vollkommen auf Hierarchien. "Bei uns gibt es nur Zuständigkeiten", sagt Hannes Oberlindober, einer der Köpfe hinter Tekomedia. Alle Teilhaber/innen bringen sich mit ihren speziellen Fähigkeiten ein, der Anglist Oberlindober kümmert sich u. a. um Öffentlichkeitsarbeit. Er erklärt, warum sich Tekomedia für den Campus der Ruhr-Uni als Standort entschieden hat: "Viele von uns studieren hier, und wenn wir uns demnächst vergrößern, finden wir gleich vor der Haustür weiteres hoch qualifiziertes Personal. Außerdem möchten wir gerne mit der Ruhr-Uni zusammenarbeiten. Wissenschaftler können unsere alternativen Arbeits- und Organisationsformen erforschen. Umgekehrt können wir in Seminaren unsere Erfahrungen in Sachen Existenzgründung oder Selbstorganisation weitergeben."
Auch in der Arbeit selbst unterscheidet sich Tekomedia von anderen Telefondienstleistern. Herrscht dort oftmals eine durch und durch devote Haltung gegenüber den Kunden ("Was darf ich für Sie tun?"), setzt man bei Tekomedia auf Kreativität und Multimedia. Die Jungunternehmer bieten Schulungen an (Internet, Bewerbungen, Telefonanlagen), setzen einen Netzdetektiv für die Recherche im Internet ein, gestalten Webseiten oder liefern mittels "Telefonbutler" maßgeschneiderte Angebote für gestresste Freiberufler (Weckdienst, Anruf- und Faxdienst, Sekretariat etc.).
Mit solchen ausgefeilten Angeboten hat man längst einen festen Kundenstamm etabliert und hofft, demnächst einen ganz großen Fisch an Land zu ziehen: Gewerkschaften. Nicht nur Unternehmen lagern viele ihrer Aktivitäten aus und beauftragen damit Call Center, sondern auch (soziale) Einrichtungen wie die Gewerkschaften. Im Normalfall sind Gewerkschaftsbüros von 8 bis 16 Uhr besetzt. Wer erst später dort anrufen kann, hat Pech. Ein Call Center hingegen arbeitet zum Teil rund um die Uhr. Da einige Tekomedia-Teilhaber/innen gewerkschaftlich tätig waren und sind, können sie den Anrufern ebenfalls helfen. Wartet Tekomedia hier auf Anrufe, kann es ebenso aktiv tätig werden, z. B. bei Rückholaktionen: Wird ein Gewerkschaftsmitglied arbeitslos, tritt es oft automatisch aus der Gewerkschaft aus, weil es denkt, nun keine Leistungen mehr zu erhalten. Das ist falsch und kann durch einen zügigen Anruf vom Call Center geklärt werden.
Die möglichen Aufgaben für Tekomedia sind also vielfältig, deshalb macht sich Hannes Oberlindober auch keine Sorgen um die Zukunft des neuen Unternehmens. Immerhin ist der Start geglückt, und rund 70 Studierende haben eine gute Perspektive, ihr Studium auch weiterhin finanzieren zu können. Möglicherweise können sie in absehbarer Zeit sogar ihren Kommiliton/innen einen Job anbieten. ad

Mehr über die studentische GmbH im Netz: www.tekomedia.de

   
   
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30.11.1999