Vorlesung - oder selbst lesen?
   
  Reihe "Mein erstes Semester an der RUB"
 
  Rund 4.400 neue Studierende suchen seit Oktober ihr Glück an der RUB. Eine von ihnen die 19-jährige Laura Streitbürger (sie studiert Anglistik, Sozialwissenschaft und Jura im Magisterreformmodel). Stellvertretend für alle Neuen erzählt sie von ihren Erfahrungen auf dem Campus. Heute schildert sie ihre erste Vorlesung.
  "Glück gehabt, den habe ich gerade noch erwischt", fährt mir durch den Kopf, als ich erleichtert im Bus auf meinem Platz sitze und mich noch nicht ganz wach durch die Morgendämmerung zu meinem Lerntempel schaukeln lasse. Es ist Freitagmorgen, draußen ist kaum ein Mensch zu sehen - außer Schülern, Rentnern und Berufspendlern - und ich bereite mich innerlich auf den für Studenten angeblich total normalen alltäglichen Wahnsinn vor. Was stand da noch gleich für heute früh auf dem Plan? "Vorlesung, 8-10 h, HZO". Was sagt mir das jetzt? Klar, von 8.15 bis 9.45 h läuft für mich im Hörsaalzentrum Ost eine Veranstaltung, die sich "Vorlesung" nennt. Aber was verbirgt sich dahinter? Liest da einfach ein Prof was vor und die Studenten hören zu? Kann doch eigentlich nicht sein, Lesen kann ich doch selbst, und zwar gemütlich zu Hause auf dem Sofa, oder?
Na, ich bin gespannt. Aus meinen Überlegungen werde ich durch Fußgetrampel neben mir gerissen. Einige Kommilitonen haben anscheinend genauso früh wie ich Veranstaltungen und können es wohl nicht erwarten. Ein Blick auf die Uhr lässt mich dann aber ebenfalls sprinten - 8.12 h. Noch etwas aus der Puste suche ich "meinen" Vorlesungssaal und stelle fest, dass ich mich überhaupt nicht so beeilen hätte müssen. Viele meiner Kommilitonen lümmeln sich mit Kippe im Mund vor den Türen und sind die Ruhe selbst.
Ich gehe zur Tür und schaue vorsichtig um die Ecke. Bei dem Anblick, der sich mir bietet, wird mir dann doch etwas mulmig - ich hatte mir zwar schon gedacht, dass der Raum größer ist als ein Übungsraum, aber gleich so riesig? Kurz sammeln, tief durchatmen und unter neugierigen Blicken die Platzsuche beginnen. Leichter gesagt als getan, wie ich merke. Ich will nicht unbedingt auffallen und konzentriere mich auf die letzten Ränge. Fehlanzeige, da ist alles voll. Je weiter ich meinen Blick nach unten schweifen lasse, desto lichter werden die Reihen. Und in den drei Reihen direkt vor dem Prof - gähnende Leere. Seltsam. Okay, jetzt habe ich doch einen Platz ergattert, dann kann es ja losgehen. Um 8.19 h taucht der Prof auf. Nach einer knappen Begrüßung geht er "in medias res". Zur Veranschaulichung des Stoffes präsentiert er uns Folien. Find ich gut, endlich mal einer, der sich nicht so eng an die Lehrbücher hält! Ein Seitenblick auf den Klapptisch meines Nachbarn belehrt mich eines Besseren - das gleiche Schaubild prangt auf der aufgeschlagenen Buchseite. Vermutlich sehe ich momentan etwas irritiert aus, aber zum Glück erkennt meine Sitznachbarin meine Verfassung. Kurz und bündig erklärt sie mir den Sinn und Zweck dieser Veranstaltung. Ein Blick in die Runde bestätigt ihre Ausführungen: Manche frühstücken, andere schreiben Briefe oder machen Kalendernotizen und wieder andere sind in Unterhaltungen mit den Sitznachbarn über die letzte Party vertieft. Zugegeben, es sind auch viele zu sehen, die aufmerksam lauschen.
Da der Prof den Stoff nicht sonderlich spannend vermittelt, wundert mich nicht, dass sich zur Halbzeit die hinteren Ränge zunehmend leeren. Deshalb war es unmöglich, da noch einen Sitz zu finden - da kann man ziemlich unbemerkt vom Prof und ohne die Interessierten zu stören, den Saal verlassen. Das merke ich mir!
Ich harre bis zum Ende aus, mit folgenden Erkenntnissen: a) ich kenne jetzt die Veranstaltungsart "Vorlesung"; b) ich werde mir schwer überlegen, ob ich dafür nochmals so früh mein Kopfkissen allein lasse; c) bin ich eher autodidaktisch veranlagt. Der Prof und seine Präsentationsqualitäten spielen bei dieser Entscheidung natürlich nur eine untergeordnete Rolle. Laura Streitbürger
   
   
  Ihre Meinung ist gefragt! Schreiben Sie uns einen Leser(innen)brief!
zurückblättern zur Themenübersicht weiterblättern

30.11.1999