Abgekupferte Sprachvirtuosität
   
  Sauer imitiert Bernhard
 
 

"Krank, so dachte ich, hier ist alles und jeder krank, und zwar unheilbar krank. Das Kranksein gehört an dieser Institution zum guten Ton, ist diesem so genannten Denkort a priori inhärent." Thomas Bernhard scheint knapp zehn Jahre nach seinem Tod wieder auferstanden zu sein. Die Auferstehung soll in Essen stattgefunden haben, genauer: in der Uni/GH Essen. Dieser Eindruck stellt sich nach der Lektüre der ersten Seiten von Jörg Uwe Sauers Roman "Uniklinik" ein, der vor kurzem im Residenz Verlag erschienen ist, demselben Verlag, der schon Bernhards autobiographische Schriften verlegt hat.
Zusammengehalten von einer gekonnten Parodie des Bernhard'schen Stils ist Sauers absatzlos geschriebener Roman fast durchweg von Figuren des großen österreichischen Vorbilds bevölkert: dem Kulturer, dem Stimmimitator, Midland, Spadolini, Murau u.a. Ihre Meinungen und Ereignisse gibt wieder, ebenso typisch für Bernhard, in konjunktivischem Stil ein namenloser Icherzähler, ein an seiner Heimatstadt Wien Gescheiterter, der sein Studium in Essen fortsetzt. So verbringen diese Figuren ihre Tage in der Cafete oder im "Nord" am Viehofer Platz mit Reden über Literatur, "Watten" oder verabreden sich zu "Holzfällen", Tätigkeiten, die auf Titel von Bernhards Romanen verweisen. "Holzfällen sei in dieser völlig erstarrten Pseudorepublik die einzige Möglichkeit, sich eine Erregung zu verschaffen", heißt es im Text.
Nach mehr als zehn Jahren Abstinenz will man sich wieder an der Rollenprosa, der Schimpforgien in Bernhards Manier auf Politiker, Zeitungen, Hochschulen, die Stadt Essen, die Philosophie erfreuen: "Das Deutsche sei doch grundsätzlich keine Sprache für Philosophen, die deutsche Sprache wirkt doch in der Tat auf jeden freidenkenden Geist wie eine Blockade, wie eine Sperre, wie eine Barriere." ... oder Studienanfänger: "Erstsemester interessieren sich grundsätzlich nicht für Literatur, sie interessieren sich nicht für wissenschaftliches Arbeiten, sie sitzen die Zeit in der Universität nur ab, weil sie glauben, sie würden hier irgendwelche wichtigen Leute vom Fernsehen kennen lernen. Erstsemester sind die Ausgeburt der Dummheit und Ignoranz. Erstsemester verstehen nichts, und, was noch schwerer wiegt, sie wollen auch nichts verstehen. Die Universität stellt sich den so genannten Erstis als Fortsetzung des Schulschlafs mit anderen Mitteln dar ..."
Und dennoch, aller gekonnten Sprachakrobatik zum Trotz: Mag der Ton noch Erinnerungen wachrufen, so aber nicht mehr die Konstruktion, auch nicht die Haltung des Erzählers im Sauers Roman. Wo bei Bernhard Existenznot in Lebenskampf und Wut umschlägt, aus ihnen Sprachübertreibungen hervorgehen, sich virtuos wiederholen, aber marionettenhaft in eine schwarze Komik münden, die kein befreites Lachen erlauben will, erkenne ich bei Sauer nur die an Bernhards Stil abgekupferte Sprachvirtuosität bei einem wenig überzeugenden, weitgehend inhaltsleeren Klamauk. jk

Jörg Uwe Sauer: "Uniklinik", Residenz Verlag, Salzburg, Wien 1999, 222 S, DM 38.

   
   
   
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30.11.1999