Stipendiat aus Armenien
   
  Zimmer mit Aussichten
 
  Große Pläne hat Dr. Ruben Safrastyan, der als Stipendiat der Humboldt-Stiftung am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte (Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB) forscht. Bis November will er sein Forschungsprojekt zur "Modernisierung von multinationalen und multikonfessionellen Staaten wie dem Osmanischen und dem Russischen Reich im 19. Jahrhundert" abgeschlossen haben und darüber ein Buch in deutscher Sprache veröffentlichen.
Eigentlich ist Dr. Safrastyan Dozent für Turkologie an der Universität Jerewan in Armenien. Daneben nimmt er sich aber immer wieder Zeit für andere interessante Tätigkeiten. Als Armenien 1991 unabhängig wurde, hat er z. B. ein Jahr lang in der Abteilung für politische Analyse des Präsidialamtes gearbeitet. 1996 wurde er Berater der Armenischen Botschaft in Bonn. "Das waren gute Gelegenheiten, auch einmal praktisch zu arbeiten, aber ich bin für die Wissenschaft geboren", resümiert er. Als die Humboldt-Stiftung seine Bewerbung um ein Stipendium annahm, entschied er sich gleich, an die Ruhr-Uni zu kommen. Die Bochumer Geschichtswissenschaftler hatte er schon 1995 bei den deutschen Kulturtagen in Armenien kennen gelernt. Dass die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Armenien für ihn so große Bedeutung besitzt, hat mehrere Gründe: "Deutschland ist das wichtigste Mitglied der EU. Die meisten EU-Bürger sprechen deutsch. Außerdem ist es die Sprache der klassischen Orientalistik. In Ost-Armenien war es seit dem 19. Jahrhundert hinter Russisch die zweite Fremdsprache der Intellektuellen", betont er.
Durch seine Forschung möchte er Probleme aufdecken, die auch heute noch im osteuropäischen Raum nachwirken, etwa aufgrund der westlichen Politik Kemal Atatürks in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonderes Augenmerk legt Safrastyan auf die Zusammenarbeit verschiedener Religionen. Im Osmanischen Reich lebten im 19. Jahrhundert Christen, Juden und Muslime unter der Herrschaft der Osmanen zusammen. Entscheidendes Gesetz war das islamische Recht, das "Schariat". Ab 1830 begannen die Machthaber aber, westliche Normen zu übernehmen. Dr. Safrastyan möchte zeigen, dass diese bürgerlichen Normen zwar universell sind, dass sie aber in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich ausgelegt und umgesetzt werden. Außerdem interessiert ihn die Zusammenarbeit zwischen osmanischen Reformern und liberalen Gruppen anderer Religionen.
Safrastyan ist froh, an der Ruhr-Uni gute Arbeitsbedingungen vorgefunden zu haben: "Hier habe ich viel Zeit, einen Computer und natürlich die Bibliothek." Außerdem genießt er den Ausblick aus seinem Zimmer im Süden von GA. Den Blick zur anderen Seite findet er zwar nicht so reizvoll, aber wenigstens habe die Architektur ein logisches Konzept. Überhaupt fühlt er sich in Deutschland wohl: "Die Deutschen denken sehr europäisch. Und obwohl man in den Zeitungen so viel über Fremdenfeindlichkeit liest, ist mir so etwas bisher nicht passiert." Dr. Ruben Safrastyan bleibt noch bis Ende November in Bochum, bevor er wieder nach Jerewan zurückkehrt. Meike Drießen
   
   
   
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30.11.1999