| Bildung | |
| Editorial | |
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| Der Übergang - manche behaupten "Zerfall" - von der Kultur
des Lesens zu einer von Bilderkonsumenten ist abrupter und radikaler, als
viele es wahrhaben wollen, die an einem Bildungsbegriff hängen, der von
der geschriebenen Literatur der letzten 2.500 Jahre geprägt wurde. Mag man
noch so sehr bedauern, dass in den Schulen nicht gelesen wird, wertkonservativ
beklagen, dass sie keine "Bildung" vermitteln und die Unis nur noch Fachidioten
züchten - diese Institutionen reproduzieren und multiplizieren schließlich
den gesellschaftlichen Zerfall in atomisierte Kleinstgruppen. Machen wir uns nichts vor: Zur so genannten Schicht der Bildungsbürger, die souverän mit literarischen Anspielungen und Zitaten kommunizierten, gehörten - großzügig geschätzt - weit weniger als 10 % der Gesellschaft. Daher kommt mir Dieter Schwanitz jüngstes Werk "Bildung. Alles, was man wissen muss" (Eichborn, 1999) als ein zwar mutiger, dennoch untauglicher Versuch vor, mit einem Buch das zu erreichen, was ihm als Hochschullehrer misslungen zu sein scheint: jungen Menschen den Weg zur literarischen Bildung zu weisen. Mutig deshalb, weil Schwanitz frech den bürgerlichen Bildungsbegriff von der Weihe einer falsch verstandenen, weil mystifizierten Klassik entkleidet, weil er despektierlich, witzig und souverän mit der Geschichte Europas und dessen Kultur umgeht und zum Lesen anregen will. Mutig auch, weil er einen Überblick wagt und dabei die Facetten eines Kanons mitliefert, mag dieser noch so fragwürdig sein. Und dennoch misslungen und vergeblich. Missraten, weil manche Vergleiche hinken, manche Witze abgestanden wirken, es an der Fassade nur kratzt, misslungen nicht zuletzt, weil das Buch die Wirkung eines Big Mac entfaltet: Man ist nach der Lektüre zwar satt, aber kaum genährt. Der "aus gesundheitlichen Gründen" nach dem Erfolg seines "Campus" vorzeitig emeritierte Hamburger Anglist erinnert mich an einen Aphorismus von Karl Kraus: "Bildung ist eine Krücke, mit der der Lahme den Gesunden schlägt, um zu zeigen, dass er auch bei Kräften ist." Übrigens: Wie kurzlebig moderne Datenträger sind, hat Dieter Zimmer in DIE ZEIT vom 16.11. eindrucksvoll beschrieben: Während Keilschriften in Tontafeln seit 4.500 Jahren, Pergamentrollen aus Tierhaut seit 2.200 Jahren und Papier aus Rupfen seit dem 15. Jahrhundert überdauert haben und gut lesbar sind, kämpft die Gesellschaft heute mit den kürzer werdenden Zerfallszeiten im Übergang von Papier zu Fotos zu Filmen und zuletzt zu modernen Ton-, Video- und Datenbänder, letztere kaum noch 20 Jahre haltbar. Wer den Wechsel von Computergenerationen in den letzten 10 Jahren miterlebt hat, weiß, dass Daten von einem System zum anderen migrieren müssen, um sie aufzubewahren. Ist es Ironie des Schicksals, dass von den derzeit gebräuchlichen Medien eben Bücher doch noch die längste Aufbewahrungsgarantie liefern? jk |
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| 30.11.1999 |