Irritierende Reflexion
   
  Serie: Kunstsammlungen
 
  Frank Stella gilt gemeinsam mit Donald Judd, Richard Serra, Carl Andre und anderen als Pionier der amerikanischen Minimal Art. Das großformatige Werk "Arpoador II" (1975, Öl und Lack auf Aluminium, 200 x 320 x 26 cm, Sammlung Paul Dierichs) der Kunstsammlungen der RUB gehört zwar in die zweite, größere Werkphase des Künstlers, doch gründet es sich auf denselben programmatischen Grundprämissen: "Mein Bild (...) basiert auf der Tatsache, dass nur das ist, was man sehen kann", erläutert Stella seine Arbeiten.
Er fordert dazu auf, allein die Faktizität des Werkes zu akzeptieren und verweigert den Anspruch, im Kunstwerk außerbildliche Kontexte entdecken zu wollen. Stella entwickelt in diesem Sinne die so genannten "shaped canvas", das heißt: Die Gesamtform des Objektes entwickelt sich aus der Figuration der Einzelteile.
Bei "Arpoador II" aus der "Brazilian Series" (der Titel geht auf den Namen eines Vorortes von Rio de Janeiro zurück) lässt sich noch eine Anspielung auf die traditionelle Leinwandfläche erkennen, doch die einzelnen geometrischen Elemente entgrenzen das Tafelbild zum Relief.
Schließlich lässt sich eine eindeutige Aussage, welcher Kunstgattung es zugehörig ist, nicht mehr treffen. Stellas Verweigerung einer außerbildlichen Bezüglichkeit des Kunstwerks fundiert auf einem Sachlichkeitsprinzip, das wohl - historisch gesehen - auf vielfältige Erfahrungen zurückgeht.
Das Vereinnahmen der Kunst der vorausgegangenen Generation (William de Kooning, Jackson Pollock, Robert Motherwell u.a.) als Gegenstand erbitterter Kritikerdebatten oder Exportartikel "uramerikanischer Kultur" war wohl ebenso ein Grund, wie die noch bis zu Beginn der 60er-Jahre andauernde Hysterie des Antikommunismus.
Stellas Konzept einer "unbedingten Bildimmanenz", das er seit Ende der 50er-Jahre entwickelte, war jedoch keineswegs ein Ausdruck politischer Bejahung, sondern ließe sich heute als bewusst irritierende Reflexion darüber lesen, dass das Prinzip einer "Immanenz" wohl nur visuell zu realisieren ist.
Dr. Kai-Uwe Hemken
   
   
   
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31.10.1999