Kontinuität mit neuem Temperament
   
  Der neue Kanzler im Gespräch
 
 

Kaum im Amt und noch im alten Büro sitzend, wurde der neue Kanzler der RUB, Gerhard Möller, auch schon von der RUBENS-Redaktion besucht. Wie sich im Gespräch zeigte, hat der neue Verwaltungschef bereits zahlreiche konkrete Ziele: als Kanzler und als Privatmensch.

Herr Möller, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Ernennung. Sie sitzen noch in Ihrem alten Zimmer. Wissen Sie schon, wann Sie umzuziehen werden?
Ich werde umziehen, sobald das bisherige Dienstzimmer ausgeräumt ist - das geschieht gerade - und anschließend renoviert und neu möbliert wird. Die Möbel sind noch die des Vorvorgängers, des ersten Kanzler, praktisch die Ersteinrichtung in diesem Gebäude. Nach so einer langen Zeit scheint es mir durchaus vertretbar zu sein, die Ausstattung zu erneuern.

Sie sind acht Jahre lang Stellvertreter von Bernhard Wiebel gewesen. Sie kennen die Uni sehr gut. Geht mit dem neuen Amt eigentlich ein Traum in Erfüllung?
Ich bekleide jetzt natürlich ein sehr hohes Amt. Höher geht es für einen Verwaltungsbeamten nur in Ministerien und übergeordneten oder überregionalen Institutionen. In diesem Sinne habe ich schon einen "Traum" oder ein "hohes Ziel" erreicht. Aber nicht in dem Sinne, dass ich auf meinem ganzen beruflichen Lebensweg immer dieses Ziel vor Augen hatte und mir sagte: Dort will ich hin! Das habe ich als Berufsanfänger und im weiteren Verlauf der Karriere nicht für ein absehbares und so ohne weiteres erreichbares Ziel gehalten.

Sie haben an anderer Stelle angedeutet, Sie würden politisch nicht unbedingt etwas Neues machen, sondern Kontinuität wahren. Das Neue würde eher in persönlichen Charaktereigenschaften zum Ausdruck kommen. Was bedeutet das?
Man wird längst festgestellt haben, dass ich ein anderes Temperament als mein Vorgänger habe. Ich glaube, dass ich jemand bin, der gut zuhört, der auf Teamleistung setzt und auf das Erreichen von gemeinsamen Zielen, der dabei moderiert, der auf Steuerung achtet, aber andere auch dabei mitziehen will.

Sind Sie eher ein politischer Kanzler oder jemand, der sich im Hause Veränderungen wünscht?
Ich will meine Rolle nicht auf das Haus beschränken, obwohl das entscheidende Aktionsfeld gewiss hier liegt: in der Verwaltung und in der Einbindung ins Rektorat. Aber es existieren auch außerhalb viele Betätigungsfelder, z. B. beim Einwirken auf politische, verwaltungspolitische oder wissenschaftspolitische Entscheidungen, die im Ministerium vorbereitet werden. Dort werden die Hochschulkanzler gehört, ihre Stimme zählt. Weiterhin gibt es als bewährtes Aktionsfeld den Kreis der Kanzler im Land und im Bund. Die Kanzler treffen sich regelmäßig und betreiben zu bestimmten Themen miteinander Meinungsbildung und versuchen, darauf Einfluss zu nehmen, dass diese Meinungen berücksichtigt werden und möglichst auch zum Tragen kommen. Dort liegt - außerhalb der Hochschule - ein Aktionsfeld. Natürlich gehört ebenso die Pflege des Verhältnisses zur Stadt und zur Region zu einem "politischen" Verständnis von Amtsführung.

Wenn Sie auf Ihre Zukunft im Amt schauen: Worauf freuen Sie sich am meisten, was bereitet Ihnen am Ehesten Kopfzerbrechen?
Vielleicht sind das gar keine unterschiedlichen Dinge, sondern ein- und dieselben: Aufgaben, die reizvoll sind und Freude machen, und Aufgaben, die auch mit Schwierigkeiten verbunden sind, Herausforderungen darstellen, z. B., das ist nichts Spezifisches für die Ruhr-Uni, dass der Autonomieprozess fortgesetzt wird, dass die Hochschulen mehr Verantwortung übernehmen sollen und wollen - und dass dies die Aufgabenstellung innerhalb der Verwaltung verändert. Dort, wo es um die Festlegung von Prioritäten bzw. Posterioritäten geht, wird man als Kanzler, als Rektorat stärker eigenverantwortliche Entscheidungen treffen müssen - mehr und mehr ohne Vorgaben des Landes, das früher oft Entscheidungen im etwas paternalistischen Verhältnis zu den Unis getroffen hat. Ich denke an Fragen wie: Welche Baumaßnahme wird mit welcher Priorität durchgeführt oder nicht, welche größere Beschaffung wird finanziert? Hier kommen wir viel stärker in die Verantwortung, das ist zugleich reizvoll und wohl auch mit Schwierigkeiten verbunden.

Ist die RUB-Verwaltung dafür gerüstet, oder gibt es Überlegungen, Veränderungen durchzuführen, um die neuen Entscheidungskompetenzen verantwortlich wahrzunehmen?
Es ist richtig, dass sich die Rolle der Verwaltung in einem solchen Prozess - Stichwort Autonomie, Eigenverantwortung - ändert, andern muss. Wir befinden uns allerdings mitten im Prozess der Aufgabenumverteilung Staat - Hochschule. Darauf hat sich die Verwaltung schon eine ganze Zeit erfolgreich eingestellt. Verwaltungen können sich - entgegen dem öffentlichen Bild - recht gut an Veränderungen anpassen.

Welche konkreten Veränderungen stehen an?
Wir haben längst moderne Arbeitsformen entwickelt und setzen diese auch ein. Ebenso steht seit langem fest, dass wir ein anderes Fachwissen als das klassische Verwaltungsfachwissen innerhalb der Verwaltung benötigen. Der Bereich Informations- und Kommunikationstechnik hat z. B. möglich gemacht, dass wir uns Qualifikationen und Denkweisen in die Verwaltung geholt haben, die wir vorher nicht hatten. Auch die Betriebstechnik ist in der Hochschulverwaltung längst fest verankert. Wir werden mit der Einführung der Kosten- und Leistungsrechnung, mit dem ganzen Prozess von eigenständigerem Umgang mit Ressourcen - u.a. Gebäudemanagement, Facility Management - auch unsere betriebswirtschaftlichen Kompetenzen verstärken müssen. Insgesamt wird die Univerwaltung der nahen Zukunft eine Mischung verschiedener Kompetenzbereiche sein.

Das setzt sicher voraus, dass sehr viel stärker auch Weiterbildungsmaßnahmen innerhalb der Verwaltung angeboten werden?
Auch das - z. B. bezogen auf die Arbeitsformen. Verwaltungsfachleute haben normalerweise, ähnlich wie Juristen, das individuelle Arbeiten gelernt, das "Fall-Lösen", das Bearbeiten und Lösen von einzelnen Sachverhalten. Das wird auch immer ein Teil der Arbeit bleiben. Aber es kommen verstärkt Aufgaben hinzu, die im Team zu lösen sind, bei denen ergebnisorientiert und projektförmig gearbeitet werden muss und für die eine gewisse Projektorganisation erforderlich ist. Das haben wir nicht in der Ausbildung gelernt, aber das kann man sich durch Fortbildung aneignen. In der Tat werden sich in der Verwaltung der Ruhr-Uni gewisse Arbeiten und Aufgaben verändern. Ich möchte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon jetzt darum bitten, mitzuziehen und sich nicht nur an den vorhandenen Strukturen zu orientieren.

Wir haben im Moment den Qualitätspakt vor uns und die kooperative Hochschulplanung in NRW. Nun ist die RUB ja nicht isoliert, sondern liegt in einem Ballungsraum mit mehreren großen Hochschulen. Können Sie sich auch eine Verwaltungszusammenarbeit quer durchs Ruhrgebiet vorstellen?
Ich kann mir das sehr wohl vorstellen. Nur muss man geeignete Felder identifizieren, in denen das Nutzen bringt. Gemeinsame Verwaltungsarbeit kann heißen zu zentralisieren, d.h. bestimmte Aufgaben nur von einem Ort aus statt von dreien oder vieren wahrzunehmen. Darin sehe ich keinen Vorteil. Schließlich würde so die Ortsnähe verloren gehen, die Nähe zum Kunden und damit ein Stück Leistungsqualität. Es wird ja immer wieder diskutiert, ob man die Beihilfestellen zentralisieren könnte, etwa bei der Bezirksregierung. Damit ließe sich vielleicht die eine oder andere halbe Stelle einsparen - allerdings auf Kosten der Dienstleistungsqualität.
In anderen möglichen Bereichen würden sich Kooperationen nicht mit den Identitäten der einzelnen Hochschulen vertragen, immerhin wird die Identität auch durch die eigene Verwaltung zum Ausdruck gebracht. Ich kann mir hingegen sehr gut vorstellen, dass Hochschulverwaltungen ganz freundschaftlich miteinander konkurrieren - im Sinne von "best practice". Wir machen viele Dinge auf denselben Feldern mit ähnlichen Methoden und beobachten uns gegenseitig. Warum soll nicht die jeweils beste Methode Vorbild für die Anderen sein? Auf Kanzlerebene ist man mit Sicherheit offen dafür. Für die Mitarbeiter kann das auch eine spannende Herausforderung sein, wenn man Prozesse miteinander vergleicht. Nehmen wir als Beispiel die Einschreibung und Rückmeldung. Dies wird an den Hochschulen sehr unterschiedlich gehandhabt. Wir glauben, dass wir mit der Chipcard eine sehr moderne Form gefunden haben. Es gibt sicherlich andere Prozesse, bei denen die Nachbarn in Dortmund oder Essen einen besseren Weg gefunden haben, von dem wir lernen könnten.

Sie sind vorerst nur mit "der Wahrnehmung der Geschäfte des Kanzlers beauftragt", wie es auf gut Amtsdeutsch heißt. Stört Sie diese Einschränkung?
Nun ja, das stört nicht so unbedingt wegen der sechs Buchstaben. Es ändert nichts an der formalen Kompetenz. Ich bin uneingeschränkt mit den Möglichkeiten des Amtes versehen, habe volle Entscheidungsbefugnis und bin also nicht so etwas wie ein Vertreter oder jemand, der dieses Amt auf Zeit innehat. Hintergrund dieser Konstruktion ist die so genannte Ersatzbeförderungssperre - eine Maßnahme, die der Einsparung dient. Das interessiert vielleicht die Mitglieder der RUB nicht so, mich schon. Das muss ich jedoch so hinnehmen, das ist schließlich eine gesetzliche Regelung.

Altkanzler Wiebel hat vor einem Monat an gleicher Stelle diejenigen Dinge des Privatlebens aufgezählt, die während seiner Amtszeit zu kurz gekommen sind, namentlich Musik, Sport und Familie. Wo werden Sie zukünftig Abstriche machen müssen?
Ich werde natürlich versuchen, das Privatleben nicht noch weiter zu reduzieren. Schon bisher habe ich häufig in die Zeit, die als Feierabend gilt, hinein gearbeitet. Andererseits zielen Sie mit dieser Frage gewiss auf meine Interessen. Die liegen ein bisschen anders, aber auch nicht ganz unähnlich: Mich interessiert Kultur, vor allem Theater und Konzerte, hier eher moderne als klassische Musik. Zudem treibe ich Sport: Laufen und Fitnesstraining. Das versuche ich, zwei bis drei Mal pro Woche zu machen, und das will ich mir auch weiterhin vornehmen.

Wir hoffen, dass das klappt. Welches Buch lesen Sie denn gerade?
Günther Grass' "Mein Jahrhundert" - ich habe die Lektüre allerdings bereits vor der Nobelpreisverleihung begonnen.

Und was meinen Sie mit "eher moderne Musik als klassische"?
Modern statt klassisch war ein bisschen verkürzt - das gilt für Konzerte. Zu Hause höre ich klassischen Jazz, z. B. Miles Davis und Duke Ellington.

Eine letzte Frage: Sind Sie als Wahldortmunder eigentlich BVB-Fan?
Ich bin im Grunde genommen nicht sehr an Fußball interessiert. Aus reinem Lokalpatriotismus bin ich natürlich immer am Tabellenstand des BVB interessiert. Einmal pro Saison gehe ich auch ins Stadion, wenn einer der Freunde, der eine Dauerkarte besitzt, diese mal weiter gibt. RUBENS: Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Die Fragen stellten Dr. Josef König und Arne Dessaul

 

 

Biographisches
Gerhard Möller wurde 1949 in Felsberg (Nordhessen) geboren. Er studierte nach dem Abitur von 1968-73 Rechtswissenschaften in Gießen. Von 1973-75 arbeitete er als wiss. Mitarbeiter im Modellversuch "Entwicklung eines Leit- und Informationssystems für Studierende in der Hochschulregion Gießen" mit. Nach dem juristischen Referendardienst im Ruhrgebiet legte er 1978 das zweite juristische Staatsexamen ab. Im selben Jahr erfolgte der Eintritt in den höheren Verwaltungsdienst an der Uni Dortmund. Nach kurzer Tätigkeit im Justitiariat war Gerhard Möller mehr als zehn Jahre als Personaldezernent der Uni Dortmund tätig, bis er 1992 an die RUB wechselte und die ständige Vertretung des Kanzlers und die Leitung der Verwaltung der Medizinischen Einrichtungen übernahm. Gerhard Möller ist seit 1988 mit der Diplompädagogin Dr. Renate Klees-Möller verheiratet.

   
   
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31.10.1999