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Die meisten sprechen nicht gerne darüber. Nicht, weil ihre Zahl an der
RUB unbekannt ist oder die laut der Bundesanstalt für Arbeit 1701 bundesweiten
Meldungen arbeitsloser Hochschul- und Fachhochschulprofessoren im Verhältnis
zu den übrigen 4 Mio. in Deutschland gering ausfällt. Die Hochschulrektorenkonferenz
(HSK) erfasst die Profs ohne Jobs allein "als "Fachkräfte, nicht Arbeitslose",
so Brigitte Göbbels von der HSK. Der Forschung verschrieben, dem Fortschritt
verpflichtet, vergessen viele Wissenschaftler/innen, dass Karriere und
Ruhm nicht allen winkt, die danach streben. "Ein negatives Thema", bemerkt
dazu ein arbeitsloser Philosoph, der ungenannt bleiben möchte. "Wir sollten
es nicht vertiefen." Obwohl Arbeitsberater und -vermittler mit den "soft
skills" die kommunikativen Fähigkeiten der Geisteswissenschaftler/innen
gerne dem Arbeitsmarkt und den Betrieben preisen, gelten bei vielen Betroffenen
andere Gesetze: Schließlich schade das Jammern über den schlechten Stand
der Selbstvermarktung und damit dem Image. Ein Hochschulberuf ist eben
auch ein Hochrisikoberuf. Und dass dies auch so bleibt, daran ist die
Alma mater nicht unschuldig.
Der habilitierte Romanist Heinz Werner, seit 1997 außerplanmäßiger Professor
an der RUB, ist ein Jahr darauf das dritte Mal in seinem Hochschulleben
arbeitslos - " jetzt längerfristig", wie es ihm scheint. Dabei fädelte
sich alles reibungslos ein: das Studium an der RUB in den 70-er Jahren,
unterbrochen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Italien. Dann
die Stelle bei Prof. Dr. Udo Figge (Romanische Philologie) als wissenschaftlicher
Mitarbeiter, nach der Promotion der Assistentenjob. Dort konnte er seinem
Forschungsthema zur "formalen Grammatik romanischer Sprachen" nachgehen,
wo er ein mathematisches Modell auf romanische Sprachstrukturen anwendete.
1989 folgte der Abschluss mit der Habilitation.
So originell sein von strenger Logik bestimmtes Arbeitsgebiet war, so
entpuppte sich nun sein Pferdefuß. "Denn für die Romanistik", so Werner,
"gibt es nur zwei respektable Wissenschaften - die diachrone Sprachwissenschaft
und die interkulturelle Kommunikation. Die formale Grammatik zählt nicht
dazu." Macht sich wissenschaftlicher Exotismus vielleicht noch auf dem
Buchmarkt bezahlt - ein Wälzer zum Thema von über 500 Seiten ist fast
abgeschlossen und sucht nur noch den Finanzier - so treibt er beim Ausbleiben
des großen Karrieresprungs in Einsamkeit und Armut. Derzeit presst sich
Heinz Werner täglich unter den üblichen Sozialhilfesatz, damit seine Ersparnisse
noch möglichst lange reichen. Ab und an greift ihm seine 77-jährige Mutter
etwas unter die Arme. Der 46-jährige fühlt sich mitverantwortlich an seiner
Situation. "Ich habe mein Fach frei gewählt und es war meine Entscheidung,
eine Unikarriere anzustreben", gesteht er zu. "Aber ich hätte eher gedacht,
die Promotion oder die Habil nicht zu schaffen, und nie, in solche Situation
zu kommen." Offensichtlich verführen auch
die Universitäten zum falschen Weg, für den sie anschließend nicht haften.
"Entgegen des NRW-Hochschulgesetzes werden zu viele Hochschulassistenten
zur Habilitation dienstverpflichtet, ohne dass ausreichend Professorenstellen
zur Verfügung stehen", so Werner vorwurfsvoll. Konkrete Förderungen für
die stellenlosen Habilitierten gibt es seiner Meinung nach nicht.
Der Professor Heinz Werner ist kein Einzelfall - in NRW befinden sich
weitere 188 Kolleg/innen in derselben Situation, sieben sind allein beim
Bochumer Arbeitsamt registriert. Auch der 50-jährige Elmar Träbert - vom
durchschnittlichen Erstberufungsalter von 41 Jahren schon weit entfernt
- meldet sich dort alle drei Monate ein, um weiter auf der Vermittlungsliste
zu stehen. Anfangs machte ihm der Arbeitsberater Mut, dass er als Atomphysiker
schnell eine Arbeit findet. Aber das war vor dreieinhalb Jahren. "Die
Firmen wollen niemanden fortgeschrittenen Alters einstellen", so Träbert
resigniert. Und er ergänzt: "Die suchen Leute, die zuarbeiten und anpassungsfähig
sind. Selbstständige Persönlichkeiten sind nicht gefragt."
Weil er nicht aufgibt und trotz schmaler Finanzen weiter forscht und publiziert,
wird der Forscher in Fakultätskreisen
als "Störfall" gehandelt und seine Arbeiten am grünfarbenen
Ionenbeschleuniger im Dynamitron Tandem Laboratorium der RUB als "Auslaufmodell".
Dies sind für den regen Atomexperten, der regelmäßig in die Auslandslaboratorien
wie jüngstens ins Lawrence Livermore National Laboratory in der Nähe von
San Francisco gerufen wird, aber nur vorgeschobene Argumente, die "allein
dem Machterhaltungsinteresse einer Gruppe von Kernphysikern dienen." Schließlich
werde die von Technikern errichtete Hochstrommaschine seit 1973 regelmäßig
gewartet und befinde sich auf dem neuesten Stand. "Europäische Wissenschaftler
kommen regelmäßig zu Messungen hierher", erklärt der Naturwissenschaftler,
"denn die Anlage ist einmalig in Deutschland." Von der Institution Universität
als ein Ort, "wo ältere Herren Hof halten und ihren Erbhof verteidigen",
ist er enttäuscht, "die interessieren sich nicht für Wissenschaftsförderung."
Über einen Neuanfang dachten beide Professoren schon mehrfach nach. Denn
der Einstellungsschluss mit 52 Jahren rückt täglich beängstigend näher.
"Aber Kaufmännisches liegt mir nicht", so Werner entschuldigend, und ohne
Aussicht auf Erfolg will sich Träbert nicht in die vielgepriesene Selbstständigkeit
treiben lassen. Die funktioniere in seiner Branche nur mit einem zusätzlichen
sicheren Standbein. Ansonsten, so Träbert, "werde daraus meistens nur
Schulden." Beide Forscher hängen, wie Werner beschreibt, "mit jeder Faser
des Lebens an der Wissenschaft" und "die aufzugeben fällt nicht so einfach
wie bei einem ungeliebten Job."
Die Universitäten danken solche Selbstlosigkeit schlecht. An der Heimatuniversität
sind die als "Privatdozent/innen" oder "außerplanmäßige Professoren" geführten
Stellenlose zu regelmäßigen Vorlesungen verpflichtet, um nicht die Lehrbefugnis
zu verlieren. Dafür stellt ihnen die RUB ein
spartanisch ausgestattetes Zimmerchen mit Rechner und Telefon zur Verfügung.
Ein Honorar erhalten sie für ihre Arbeit aber nicht.
Endzeitstimmung in den Denkfabriken: Denn obwohl fast die ganze Professorengeneration
der 70-er Jahre wegen Alters die Lehrstühle räumen wird, soll davon jede
zweite Stelle dem Rotstift zum Opfer fallen. Dennoch steigen die Habilitationen:
1998 erhöhte sich ihre Zahl um weitere 175 auf 1915, unter diesen jede
sechste eine Frau, ihr Anteil aber fallend. Ihre 702 bundesweiten Arbeitslosmeldungen
- 77 NRW-weit, in Bochum keine - legt nahe, dass hier schon vorher kräftig
gesiebt wurde.
Die Biologin Dr. Wiltrud Geurtz kennt die Auswahlkriterien der Unis ebenfalls
gut. Vorsorglich riss sie deshalb frühzeitig das Ruder herum. Nach dem
Diplom in Göttingen fand sie eine Promotionsstelle in der Bochumer Zellphysiologie.
Doch die Stellenakrobatik des Lehrstuhlinhabers - Geurtz
arbeitete sich trotz der wissenschaftlichen rund-um-die Uhr-Arbeit eher
runter statt rauf, rutschte von einer wissenschaftlichen BAT IIa-Mitarbeiterinnenstelle
auf eine Hilfskraftstelle - gepaart mit der schlechten Betreuungssituation,
weil der Betreuer entlassen wurde, ließen den Wunsch, an der Uni zu bleiben,
gar nicht erst aufkommen. Die deprimierende Situation für Frauen in der
Biologie bestärkte sie noch - "schließlich gibt es nur eine einzige Biologieprofessorin
an der RUB", ergänzt sie. "Nach der Diss habe ich erst einmal tief durchgeatmet.
Denn ich stand während der ganzen Zeit unter starkem Druck und war am
Ende froh, das Ganze hinter mich gebracht zu haben", erzählt Geurtz.
Danach kam das Arbeitsamt auf sie zu und bot ihr die Fortbildung zur "Projektmanagerin
Biotechnologie" bei der Dortmunder Firma "JQP Qualifizierung und Projektmanagement"
in Zusammenarbeit mit der "RUB-Transferstelle Umweltbiotechnologie" an.
"Das war etwas für mich", so Geurtz rückblickend. "Die Fortbildung gliederte
sich in ein halbes Jahr Schule im Hattinger Zentrum für Entsorgungstechnik
und Kreislaufwirtschaft (ZEK) und das anschließende 6-monatige Projektpraktikum.
Während der Theorieschulung wurde ich zur Qualitäts-und Sicherheitsbeauftragten
geschult; am Ende stand die Prüfung bei der deutschen Gesellschaft für
Qualität. Zusätzlich lernte ich Englisch, BWL und verschiedene Kommunikationstechniken.
Ich habe nun auch einen ‚Internet-Füherschein'", schmunzelt die frischgekürte
Biotechnologin, die sich mit den Zertifikaten einen Bewerbungsvorteil
erhofft. Und dann war da noch das "Projekt ‚Fiona'". "Nach der Dissertation
stand meinem Kinderwunsch nichts mehr im Wege", lächelt die 34-jährige,
"aber dann klappte es doch sehr plötzlich."
Fiona entpuppte sich als "pflegeleicht": Noch ungeboren gingen sie einfach
gemeinsam zur Schulung. Nach der Geburt integrierte sich das Baby schnell
ins Berufspraktikum, spielte und brabbelte in einer Ecke, während die
Mama die Broschüre "Lokale Agenda 21 von unten in Dortmund" im Infozentrum
Dritte Welt erstellte. Die Kosten solcher Weiterbildung trugen der Europäische
Sozialfonds und das Land NRW, dazu kam ein Unterhaltsgeld und für die
Tochter eine Betreuungsunterstützung. "Nach Angaben von JQP wurden 70%
der Teilnehmenden in Arbeitsstellen vermittelt", berichtet Geurtz, "jedoch",
fügt sie kritisch an, "sollte man sich realistischerweise nicht sofort
Hoffnungen auf eine Stelle machen."
Seit den 80-er Jahren schießen von den Arbeitsförderungsgesetzen (AFG)
bewirtschaftete akademische Institute wie JQP wie Pilze aus dem Boden.
Sie profitieren - wie Arbeitsberatende und Teilnehmende einhellig meinen
- vom Ausbildungsdefizit der Unis. Die privaten Träger ermöglichen Zusatzqualifikationen
wie EDV, Sprachen und Selbstvermarktungstechniken und vermitteln begehrte
Praxisstellen in Betrieben und Verbänden. Allein 600.000 Menschen - darunter
nicht nur Akademiker/innen wie die "Dr." und die "Habils" - nutzten 1998
solche Weiterbildungen. Für Aufregung sorgte deshalb im August die Studie
des Bochumer Ökonomieprofessor Erich Staudt, der das Institut für angewandte
Innovationsforschung (IAI) leitet. Staudt bezifferte darin "mehr als 50%
der traditionellen Weiterbildungsmaßnahmen" als "wirkungslos", "mehr als
24 Mrd. DM" - aufgeteilt auf die Arbeitsämter und Unternehmen - schienen
"fehlinvestiert". Das Problem: zu viel Bildung,
die Praxis bliebe dabei auf der Strecke, so Staudt. Das mache die Absolventen
"hochqualifiziert, aber inkompetent". Der Innovationsstratege spricht
deshalb von der notwendigen "Entmythologisierung von Weiterbildung".
Dies stieß bei Weiterbildnern und Arbeitsämtern auf großes Befremden.
Was den "schwarzen Peter ‚Universität'" betrifft, herrscht jedoch Einigkeit.
Dipl.-Ing. Uwe Bollweg vom Bochumer Arbeitsamt und zuständig für die Trainee-Maßnahme
der RUB-Ingenieur-Absolventen: "Die Uni-Absolventen werden nicht genügend
auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Das leistet aber ein ‚Training on the
Job'." Der Wissenschaftsbetrieb muss verstärkt selbst tätig zu werden.
Vorschläge, sich den USA oder dem europäischen Ausland anzunähern, sind
schon lange in aller Munde. Der Wissenschaftsrat forderte mehr Abschreckung
und höhere Hürden, dazu die öffentliche Ausschreibung von Promotionsstellen
und externe Gutachter.
Daneben stehen neuere Vorschläge zur Veränderung der Hochschulstruktur
ähnlich dem angelsächsischen "assistant professor". Michael Daxner, ehemaliger
Präsident der Universität Oldenburg, plädierte für die völlige Abschaffung
der Habilitation und stattdessen für eine dreijährige Probezeit der Jungforscher
zum Beweis ihres Könnens. RUB-Rektor Prof. Dr. Dietmar Petzina befürwortet
ein ähnliches Modell, bei dem die promovierten
Nachwuchsakademiker ihre wissenschaftlichen Leistungen wechselseitig bewerten.
Zudem sollten 35-jährige Jungwissenschaftler "bescheinigt bekommen, dass
ihre wissenschaftliche Karriere weitgehend gesichert ist." Im Juni berief
die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, eine
Expertenkommission zur Reform des Dienstrechts und Personalstruktur im
Hochschulbereich. Das Treffen beinhaltete auch die Einführung von Assistenzprofessuren.
Für manche unter den arbeitslosen Professoren kommt solches Rufen wohl
zu spät. Ihre Zukunft bleibt vorerst ungewiss. Professor Werner ringt
weiterhin darum, nicht die Wissenschaft der Arbeitslosigkeit zum Opfer
zu werfen. Vielleicht nehmen aber Logiker aus den gegenüber liegenden
I-Gebäuden unterm Stichwort "Synergieeffekt" die mathematische Monografie
zur formalen Grammatik dankbarer zur Kenntnis als so mancher freischwebende
Intellektuelle? Immerhin ist die formale Analyse von Kommunikationssystemen
auch ein Teil der Informatik, und diesen Technikfreaks ermangelt's doch
gerade an den "soft skills" ... Die Tochter von Professor Träbert wird
wohl auch nicht Atomphysikerin. tas
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Infos
Hochschulteam des Arbeitsamtes Bochum, Universitätsstraße 66, Tel.: 0234/3051194
Orientierungsveranstaltung zur beruflichen Weiterbildung: jeden 1. und
3. Donnerstag des Monats, 13.30 Uhr, Raum B 006, Anmeldung nicht erforderlich;
Rechtsratgeber
Die Finanzierung von Fortbildungen und Umschulungen fußen auf dem dritten
Sozialgesetzbuch (SGB III). Informationen dazu - neben Arbeitslosengeld
und -hilfe - enthält der neu bearbeitete "Leitfaden für Arbeitslose".
Desgleichen berücksichtigt die 16. Auflage die neuen Meldefristen, Anrechnung
geringfügiger Beschäftigung (630-DM-Jobs), Verrechnung von Rente und Vermögen.
Leider weicht der sympathische Beispielarbeitslose aus den ersten Projektwerken,
David Zunder, immer mehr den trockenen Rechtsbelehrungen und Tips. Trotzdem:
ein ungemein wichtiges Buch für Informationssüchtige, die sich vom Wenigen
nichts entgehen lassen wollen.
Ulrich Stascheit / Elwine Turk, Arbeitslosenprojekt TuWas: Leitfaden
für Arbeitslose. Frankfurt, Fachhochschulverlag. Stand: August 1999, 508
Seiten, DM 20.
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