Großes Kommen und Gehen
   
  Interview mit Dr. Bernhard Wiebel
 
 

Dr. Bernhard Wiebel geht nach 18 Jahren Kanzlerschaft an der RUB in den Vorruhestand. Wir wünschen ihm dafür alles Gute, wünschten uns zuvor jedoch - erfolgreich - einen Interviewtermin, den Dr. Josef König wahr nahm.

RUBENS: Herr Wiebel, Sie verlassen in zwei Wochen die RUB. Wie fühlen Sie sich?
Wiebel: Hervorragend. Ich habe schon vor Jahren beschlossen, dass ich gehe, wenn ich gehen will, und nicht, wenn ich gegangen werde. Es bereitet mir keine Probleme, nicht mehr Kanzler der RUB zu sein, ich habe viele Dinge im Kopf, die ich machen möchte.
RUBENS: Das freut uns. Jetzt zunächst ein Rückblick: Was waren die Höhepunkte Ihrer Kanzlerschaft?
Wiebel: Ich sehe eigentlich keine besonderen Höhepunkte, ich lege ohnehin mehr Wert auf Kontinuitäten. Und hier war es unter anderem wichtig für mich, mehr Kultur in die Universität zu tragen. Deshalb habe ich immer wieder gerne Projekte wie die Kunstsammlungen, die Situation Kunst, boSKop, Radio c.t., das Videofestival oder die Orgel im Audimax unterstützt. Außerdem habe ich mich stets für Bauvorhaben stark gemacht, z. B. für den Chinesischen Garten, den Beckmannshof, den Malakowturm, das Gastwissenschaftlerhaus und das Euro-Eck. Außerdem haben mich erfolgreiche Berufungs- und Bleibeverhandlungen befriedigt. Ich finde, eine gute Berufungspolitik ist für eine Uni das A & O.
RUBENS: Wie viele dieser Verhandlungen haben Sie geführt?
Wiebel: Mit fast 500 Personen. Zuletzt waren es rund 40 pro Jahr, früher etwa 15 bis 20.
RUBENS: Ein großes Kommen und Gehen, wenn Menschen einem begegnen und wieder in die Ferne ziehen?
Wiebel: Es ist bewegend zu sehen, dass man an solch einer Entwicklung lange Zeit Teil genommen hat.
RUBENS: An welche Enttäuschungen erinnern Sie sich?
Wiebel: Es gehört zu meinen Stärken, dass ich solche Dinge schnell vergesse und mich neuen Aufgaben zuwende.
RUBENS: Blicken wir auf die Hochschulpolitik. In den letzten zehn bis 15 Jahren haben wir eine starke Ökonomisierung der Hochschule erlebt ...
Wiebel: Da möchte ich Ihnen widersprechen. Früher haben wir in der Hochschule ökonomische Elemente schlicht vernachlässigt. Insbesondere, was Effektivität und Effizienz anbelangt. Insofern ist das keine Ökonomisierung, sondern die Besinnung darauf, dass z. B. Finanzpolitik eine wichtige Komponente von Hochschulpolitik ist, genau wie Regional- und Sozialpolitik.
RUBENS: Sie haben sich stark in der Hochschulpolitik engagiert. Ich denke z. B. an die Bemühungen um die Finanzautonomie für die RUB. Was würden Sie sich da mehr wünschen?
Wiebel: Ich habe immer versucht, an Reformen mitzuwirken, nicht nur zu administrieren. Dazu gehörte zu Beginn auch die Demokratisierung der Hochschule, also die Einrichtung von Gremien, in denen nicht nur die Professoren beteiligt sind, sondern auch die anderen Gruppen. Dass das anders gelaufen ist, als ich es für optimal gehalten hätte, das weiß man heute. Als Zweites habe ich früh durch Auslandsreisen und die Kenntnisnahme anderer Hochschulsysteme die Defizite der deutschen Hochschulstruktur kennen gelernt. Daher hatte ich immer ein offenes Ohr dafür, Dinge hier anders zu machen. Hierzu gehört auch meine Bereitschaft, bei der Finanzautonomie mitzumachen. Ich bin glücklich, dass wir - mit Wuppertal - die erste Hochschule in NRW waren, die das machen durfte. Beim Projekt Kosten-Leistungs-Rechnung habe ich nicht mitgemacht, weil es weniger den Zwecken der Hochschule diente (sprich der internen Steuerung) als einem "Leistungsvergleich" der Hochschulen untereinander für politische Zwecke. Natürlich habe ich mich auch immer wieder für eine verstärkte Kooperation mit den anderen Hochschulen im Ruhrgebiet, insbesondere mit der Uni Dortmund, eingesetzt. Leider wurden diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt.
RUBENS: Sie bleiben der RUB verbunden und werden - wenn ich richtig informiert bin - im April nächsten Jahres Geschäftsführer der Gesellschaft der Freunde (GdF). Was haben Sie sich dafür vorgenommen?
Wiebel: Vor allem aktiv in der GdF mitzuwirken. Deshalb habe ich mich zum Oktober in den Vorstand wählen lassen mit den Zielvorstellungen der Gesellschaft, dass ich demnächst die Geschäftsführung übernehme. Ich sehe eine besondere Notwendigkeit und lohnende Aufgabe darin, die Zusammenarbeit mit den sich entwickelnden Alumnivereinen zu fördern. Ich glaube, die Zeit ist endgültig da, die Absolventen enger an die Hochschulen zu binden - emotional, später vielleicht auch finanziell - und damit die Hochschule nicht nur in der Region, sondern auch bei ihren Absolventen zu verankern.
RUBENS: Bekannt sind ebenfalls Ihre Pläne, der RUB einen Festsaal "zu schenken". Was ist konkret geplant?
Wiebel: Die Uni hat das Audimax und das Musische Zentrum mit dem Theatersaal. Diese Räume sind nicht geeignet, im Sinne einer "guten Stube" zu dienen für Promotionsfeiern, Veranstaltungen für Absolventen, für Ausstellungen usw. Ich denke, die Uni braucht einen Raum mit etwa 150 bis 300 Sitzplätzen, in dem viele gute Veranstaltungen stattfinden mit Gästen von draußen und drinnen. Dafür habe ich Pläne entwickelt. Sie haben das Stichwort "Aula" bekommen. Ich werde dem Rektorat einen Finanzierungsplan für den Saal vorlegen, der durch einen Ausbau der Unibibliothek entstehen soll.
RUBENS: Das klingt eher nach produktivem Un-Ruhestand als nach Ruhestand. Dennoch die Frage: Wofür möchten Sie im Privaten mehr Zeit haben, was kam zuletzt zu kurz?
Wiebel: Die Musik. Ich habe früher im Orchester mitgespielt und Kammermusik gemacht, dazu bin ich überhaupt nicht mehr gekommen. Außerdem möchte ich mehr Sport treiben und mich endlich aktiver meiner Familie widmen.
RUBENS: Die RUB und ihre Angehörigen wünschen Ihnen sicherlich, dass Sie das verwirklichen können und auch die Gesundheit dazu. Was wünschen Sie der RUB?
Wiebel: Ich wünsche der RUB, wenn ich das einmal ganz pauschal formulieren darf, die Erhaltung und ständige Wiedergewinnung des Gründergeistes. Sie darf nicht in die Jahre kommen. Sie muss sich immer wieder erneuern und versuchen, in der Entwicklung der deutschen Universitäten einen der vordersten Plätze in Forschung und Lehre zu beanspruchen.
RUBENS: Ein hehres Ziel. Und was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Wiebel: Ihm wünsche ich, dass er hierbei möglichst erfolgreich sein möge. Ich freue mich, dass mein Stellvertreter mein Nachfolger wird. Ich habe ihn selbst vor acht Jahren geholt, und wenn die Gremien ihn jetzt dem Ministerium vorgeschlagen haben und die Landesregierung ihn ernennt, dann ist das für mich natürlich ein befriedigender Abschluss dieser gemeinsamen Arbeit.

  Lebenslauf Dr. Bernhard Wiebel
Bernhard Wiebel wurde am 22.12.35 in Nürnberg geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Soziologie in Göttingen, Paris und Hamburg (1955-60) sowie Soziologie und Geschichte in Münster (1960-65). 1960 legte er das Erste, 1966 das Zweite Juristische Staatsexamen ab. In Münster wurde Wiebel 1968 zum Dr. phil. promoviert. Dort begann 1962 seine berufliche Laufbahn als Assistent des Rektors. Später war Wiebel Dezernent an der Uni Bonn (1966-71), Verwaltungsdirektor (Kanzler) der FH Wiesbaden (1971-73) und Kanzler der PH Ruhr in Dortmund (1973-80). Bis zur Übernahme des Kanzleramtes an der RUB (1981) war Wiebel Ministerialrat im NRW-Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Bernhard Wiebel ist verheiratet und hat drei Kinder. Auf eigenen Wunsch scheidet er zum 30.9. aus seinem Amt aus.
   
   
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30.09.1999