| Sprechende Herzen | |
| Serie: Medizinhistorische Sammlung | |
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| Seit der Entdeckung elektrischer Phänomene am zuckenden Froschmuskel
durch Galvani (1737-1798) und den Untersuchungen von Volta (1745-1827) beschäftigten
sich die Physiologen mit der Elektrizität im
Organismus. Doch erst am Ende des 19. Jahrhunderts gelang die Konstruktion
eines Gerätes, das die bei der Herztätigkeit entstehenden elektrischen Vorgänge
in Form eines Elektrokardiogrammes (EKG)
aufzeichnen konnte. Der englische Physiologe A. D. Waller (1856-1922) erreichte 1887 mit Hilfe eines Kapillarelektrometers die Ableitung eines EKG von der Körperoberfläche des Menschen, ohne dass zunächst die klinischen Konsequenzen hierfür erkannt wurden. Sein holländischer Kollege Willem Einthoven (1860-1927) begann 1895 seine Experimente zum "Herzstrom", die zur Entwicklung eines neuen Gerätes führten. Das von ihm 1907 vorgestellte Saitengalvanometer registrierte durch unpolarisierbare Platten-, Nadel- und Zangenelektroden Stromkurven auf einer fotografischen Platte, die mit 25 mm pro Sekunde fortbewegt wurde. Damit hatte Einthoven jenes Messgerät erfunden, das die moderne Elektrokardiologie begründete. Für seine Entwicklung erhielt er 1924 den Nobelpreis für Medizin. Bei diesen ersten Elektrokardiographen handelte es sich allerdings um zimmergroße, nicht transportable Maschinen, die mit ihren Hilfsaggregaten einige hundert Kilo wogen und von mehreren technisch qualifizierten Assistenten bedient werden mussten. Zur Untersuchung bettlägriger Patienten mussten etwa von Einthovens Laboratorium kilometerlange Kabel zum Leidener Krankenhaus verlegt werden. Das EKG ermöglichte einen qualitativ neuen und einzigartigen Zugang zur elektrischen Funktion des Herzens. Der Elektrokardiograph zeichnet die Signale des Herzens direkt und in einer Unmittelbarkeit auf, wie sie mit keinem anderen Instrument und auch nicht mit dem klinischen Blick oder dem tastenden Finger zu registrieren sind. Mit dem Elektrokardiographen wird das Herz zum Sprechen, genauer: zum Schreiben gebracht. Parallel zu den zunehmenden Erkenntnissen in der Kardiologie kam es zu einer rapiden Entwicklung im technischen Bereich. Die Aufzeichnungsgeräte wurden immer genauer und kompakter. In den zwanziger Jahren kamen erste fahrbare Elektrokardiographen auf den Markt, um 1930 endlich tragbare Versionen. In der Nachkriegszeit wurden entsprechende Geräte zur Patientenüberwachung und zur Langzeit-EKG-Registrierung eingeführt. Die so entwickelte Elektrokardiographie, welche die bei jeder Herzaktion entstehenden Potentialschwankungen als Funktion der Zeit wiedergibt, wurde die Basis der nichtinvasiven Diagnostik von Herzrhythmusstörungen und zum zentralen medizinischen Messverfahren in der Kardiologie. Michael Martin |
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| 30.09.1999 |