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Dieses Vasenbild ist das berühmteste der ganzen Sammlung, wird hier
doch ein einziges Mal die Geschichte vom Achilleustod dargestellt. Dieser
Mythos ist ein Paradigma der Unmöglichkeit menschlicher Voraussicht und
Folgenabschätzung. Kraft und Kampfmut der beiden Kontrahenten sind unvergleichbar.
Folgt man der Beschreibung beider Charaktere, wie sie die ,,Ilias" gibt,
ließe sich der Ausgang einer Konfrontation zwischen zwei so unterschiedlichen
Kämpfern unschwer voraussagen, wäre der Sieg
des Feigen über den Starken das Gegenteil dessen, was errechenbar
wäre, und damit ein Gleichnis des Unvorhersehbaren, des eigentlich Unbegreiflichen.
Indem aber das Unbegreifliche, den Erwartungen zum Trotz, in dieser Geschichte
doch geschieht, wird es als Werk des Apollon ausgegeben, der unauffällig
zwischen den Gegnern steht. Wichtige Details der Erzählung fallen nur
nach längerem Suchen ins Auge, insbesondere der Bezug zwischen den Pfeilen
und der Ferse des Achilleus, auf dem ja die Deutung der Darstellung überhaupt
ruht.
Viel entscheidender ist, daß die verborgene Kraft des Gottes erkennbar
wird, und zwar sowohl in den auf ihn gerichteten, gegensätzlichen Verweisen
der Akteure als auch in seiner Funktion als Ordinate des Zeitverlaufs:
die drei im Boden vor Paris steckenden Pfeile - diesseits des Gottes wie
der noch ungelenkte Pfeil auf dem Bogen - haben ihr Ziel verfehlt; erst
zwischen Apoll und Achilleus, also nach dem göttlichen Eingriff, gewinnt
der fliegende Pfeil die entscheidende Richtung. Verborgen ist die
Kraft des Gottes vor allem, weil die äußere Erscheinung seines Bilds von
äußerster Unauffälligkeit geprägt erscheint; kein Merkmal nämlich unterscheidet
ihn von einem jugendlichen Athener; sein göttliches Wesen geht ganz in
die menschliche Erscheinung ein, verbirgt sich hinter undurchdringlicher
Anonymität, ja Profanität. Wir werden mit einer Vorstellung des Vasenmalers
konfrontiert, in der Göttlichkeit nicht länger aus sich heraus, sondern
erst in Ereignissen erkennbar wird, die von göttlicher Gegenwart zeugen:
ein Gott ist, in wessen Kraftfeld wunderbar Grundstürzendes geschieht.
Norbert Kunisch
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