Neue Visionen
   
  Geschlechterdemokratie gibt Frauenforschung neuen Auftrieb
 
 

Vielleicht wird "Geschlechterdemokratie" das Wort des kommenden Jahrtausends. Vielleicht entpuppt sich die Arbeit daran als die Jahrhundertaufgabe. Eine gewisse Halina Betkowski hat den Begriff zufällig aus dem Ärmel gezaubert, die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung mittlerweile ihr Organisationsmodell darauf aufgebaut. Angesichts der durch rollback und backlash bedingten weitverzweigten Hoffnungslosigkeit kann es jetzt unter Frauenforscherinnen und Feministinnen wieder heißen: Ärmel aufkrempeln, neue papers schreiben, gezielt Diskussionszirkel besuchen.
Das war auch wirklich neu in Bochum: Der jüngste Workshop der Marie-Jahoda-Professur zum Thema "Geschlechterforschung und Geschlechterdemokratie" Anfang Juni tagte erstmalig vor gemischtgeschechtlichem Publikum. Dieser Versuch hat mit der neuartigen Besetzung des Frauenforschungslehrstuhls zu tun, der ebenso erstmalig im Australier Professor Robert Connell mit einem Mann besetzt ist. Das brachte schon im Vorfeld der Veranstaltung Kritik ein, weil sich Vertreterinnen autonomer Frauenberatungsstellen angesichts der Minimalstverteilung von Frauenprofessurstellen in ihrem Geschlecht verdrängt fühlen.
Es steht aber, so die Frauenprofessorin von der RUB, Ilse Lenz, die Frauenforschung mittlerweile auch an einem anderen Punkt. Angesichts von zunehmender und umfassenderer Globalisierung haben sich die Perspektiven von Frauen- und Männerforschung verschränkt, und dabei profitierte die feministische Diskussion der Geschlechterverhältnisse zunehmend von der internationalen und kritischen Männerforschung. Auch kann, so die renommierte Frauenforscherin weiter, die Schuld an der Jahrtausende alten Frauendiskriminierung nicht jedem Mann qua Geschlecht übergekübelt werden, denn das verletzt unnötig wertvolle Bündnispartner und nimmt einem kritischen Potential den Raum, ist also wenig demokratisch.
Zeigt hier die Frauenforschung zuversichtlich ihre grundstabilste Seite in Sachen Gleichberechtigung, Mitbestimmung und Grundrechtsverankerung - und in persona die Hauptredner/innen Connell, Carol Hagemann-White aus Osnabrück und Lenz, so waren Vertreter des Workshops ganz anderer Ansicht. Macht Connell schon eine Veränderung überlieferter Männlichkeitskonzepte in Amerika und Europa aus, so sieht der Hamburger Ralf Lange von der gewerkschaftsnahen Technologie- und Innovationsberatung für Arbeitnehmer e.V. (TIB) noch lange kein Land in Sicht. Denn was die Arbeitsorganisation betrifft, müßte man "ganz von vorne anfangen". Noch immer werden Frauen lohnmäßig diskriminiert, Männer bei Führungsaufgaben bevorzugt. "Demokratisierung stößt bei Männern auf argen Widerstand, stiftet Unruhe in Firmen, beunruhigt die Betriebsräte", so Lange.
Karin Derrichs-Kunstmann vom Recklinghauser Forschungsinstitut für Arbeiterbildung (FIAB), einem An-Institut der RUB, trägt ergänzend bei: "Die Erwachsenenbildung vermittelt von sich ein geschlechtsneutrales Bild, obwohl dreiviertel der Nutzerinnen Frauen sind. In den Leitungsgremien beträgt ihr Anteil 12 %, aber 60 % von ihnen arbeiten nebenberuflich und auf Teilzeit." Wer Geschlechtsneutralität als Geschlechterdemokratie interpretiert, versieht auf diese Weise Unterschiede mit einem Weichzeichner.
Es ist jedoch Arbeitsbedarf angesagt - der Begriff ist völlig neu und noch nicht gefüllt und definiert. Sabine Hark (Uni Potsdam) gibt jedenfalls wieder, daß "auch Männer dieses Thema für zu wichtig halten, um es allein den Frauen zu überlassen". Denn es geht schließlich auch um Definitionsmacht - im universitären Sektor ein wichtiges vorzeigbares Ergebnis auf dem Spielfeld interlektuellen Hauens und Stechens.
Vertreterinnen der Bochumer Gleichstellungsstellen - gleichwohl kommunal als Kooperationspartnerin genannt - fehlten beim Geschlechtermix in der Verwaltungsakademie, obwohl es doch (noch) nicht um Kopf und Kragen ging. Aber - eine Vision: im Amt der Gleichstellungsbeauftragten der RUB wäre demnächst ein Mann. Ihre Antwort darauf interessiert uns! tas

  Das Buch zum Workshop, das als Beitrag der "New Wave" in der Männerforschung nichts mit einer "Klagemauer des modernen Mannes" zu tun haben will: Robert W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen: Leske und Budrich, 300 Seiten, DM 36.
 
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30.06.1999