Gerd Duckwitz: Mann der ersten Stunde
   
  33 Jahre lang an der RUB gelernt, gelehrt und Politik gemacht
 
  Durch ihre nicht gerade anheimelnde Architektur und ihren Ruf als anonyme Massenuniversität ist die RUB zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Aber "sie hat ihren schlechten Ruf zu unrecht", sagt Dr. Gerd Duckwitz, und der muß es wissen, denn er ist ihr vom Studium bis zu seiner Pensionierung 33 Jahre lang treu geblieben. Der gebürtige Remscheider hat sein Studium in Berlin begonnen, wo er nur zwei Semester blieb, um dann der Liebe wegen nach Bonn zu wechseln. "Es war eine tolle Zeit, aber durch das Engagement neben der Uni ist das Studium zu kurz gekommen" resümiert er. Es brauchte einen Tapetenwechsel, damit aus dem Abschluß etwas werden konnte.
Zu dieser Zeit war in Bochum gerade die neue "Reformuniversität" gegründet worden, und da ihm dieser Gedanke und auch das Fächerangebot gefielen, schrieb er sich im Sommersemester 1966 für Geographie an der RUB ein - und landete im "wilden Westen": Die Uni bestand aus ganzen zwei Gebäuden, IA und IB, die alle Fächer beherbergten. Dazu eine riesige Betonfabrik, die pro Tag den Bausatz einer halben Etage ausspuckte. Vollversammlungen konnte die Belegschaft noch auf der Wiese abhalten, und jeder kannte jeden. Wurden Möbel geliefert, holte man sie sich direkt vom Lkw. Es waren auch paradiesische Zeiten: Vor dem Boom der 70er Jahre hatte die RUB noch Geld für Exkursionen und Anschaffungen; die Seminare waren klein, die Räumlichkeiten um so größer.
Weil alles noch im Aufbau war, gab es auch gute Chancen, in der Uni Karriere zu machen. Gerd Duckwitz war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 1968 machte er sein Staatsexamen und lehrte an verschiedenen Schulen, wurde dann wissenschaftlicher Assistent mit Verwaltungsaufgaben und promovierte 1970. Seitdem hat sich viel verändert. "Bochum ist jetzt auch eine alte Universität" sagt er, und sie habe viel von ihrer Flexibilität verloren. Um die Zustände wieder zu verbessern, müsse man einiges tun: Die oft geforderte Autonomie der Unis müsse endlich in die Tat umgesetzt werden. Die Verwaltung müsse flexibler auf die Bedürfnisse der Nutzer eingehen und sich trauen einzugreifen. Die Raumverteilung z. B. ist Duckwitz ein Dorn im Auge: Es gehe nicht an, daß kleine Fächer zuviel und große zu wenig Raum behielten. Auch die Finanzen sollten autonom verwaltet werden dürfen. "Wenn die Fakultäten zum Ende eines Haushaltsjahres sinnlos den Etat verpulvern, weil er sonst ans Ministerium zurückfiele, können sie nicht sinnvoll wirtschaften. Langfristige Planung ist unmöglich."
Was das Studium angeht, so befürwortet er mehr Beratung durch Dozenten und professionelle Berater; wenn es sein müsse, auch Zwangsberatung. "Denn wir wollen den Studenten bei Problemen ja helfen, können es aber nicht tun, wenn sie damit nicht zu uns kommen." Eine Institution, der Gerd Duckwitz nachtrauert, ist das in Deutschland einzigartige Zweikammersystem aus Parlament und Senat, das es an der RUB bis 1985/86 gegeben hat. Der Senat war die Versammlung der Dekane, und das Parlament bestand zu je einem Viertel aus Studenten, Professoren, Angehörigen des Mittelbaus und nichtwissenschaftlichem Personal. Es beschloß all das, was heute der Senat entscheidet, und wählte den Rektor. Der Senat hatte ein Vetorecht. Dadurch, daß die Rektoren dem Parlament Berichte liefern mußten, entstand eine direkte Kommunikation zwischen allen Gruppen, die Duckwitz heute sehr vermißt. "Sie war noch wichtiger als das Beschlußrecht."
Seinen Parlamentsvorsitz von 1979 bis zum Ende des Parlaments sieht Duckwitz heute als den Höhepunkt seiner hochschulpolitischen Laufbahn, der er den Vorzug vor der Habilitation gegeben hat. Trotz aller organisatorischen Mängel sieht er die Zukunft der RUB optimistisch: "Wenn die geburtenschwachen Jahrgänge kommen, und die Unis um Studenten werben müssen, hat Bochum mit seinem großen Fächer- und Kulturangebot und seinem Campus der kurzen Wege gute Karten." Vielleicht werde es auch mehr Auffrischungs- und Fortbildungsangebote geben, die in einer lebenslang lernenden Gesellschaft notwendig werden.
Seit seiner Pensionierung im März 1999 macht Duckwitz nur noch, was ihm Spaß macht. Er tritt zwar kürzer, ist aber weit davon entfernt, "nur noch Zeitung zu lesen". Da in seinem Bereich noch einige Diplomarbeiten geschrieben werden, ist er im Institut noch ansprechbar. Ansonsten hilft er bei einem ehemaligen Kollegen in dessen Planungsbüro mit und schreibt an einer neuen Auflage des "Exkursionsführers Ruhrgebiet". In die Belange der Uni mischt er sich nicht mehr ein: "Das wäre für keinen von uns gut."
Meike Drießen
   
 
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30.06.1999