| Bye-bye Ecke | |
| ESG-Studierendenpfarrer geht in Ruhestand | |
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| Traurige Erfahrungen gab es einige, die der evangelische
Studierendenpfarrer in der ESG im Unicenter, Eckehard Uhr, im Laufe seiner
17jährigen Amtszeit einstecken mußte. Die einen begreift er als "kollektiv",
weil sich jene "Hoffnungen nicht realisierten, daß gemeinsame Arbeit von
Deutschen und Nichtdeutschen Vorurteile abbaut. Im Gegenteil", so Uhr, "entwickelten
sich Vorurteile und Rassismus rasanter, als das was ich und andere an Basisarbeit
dagegen leisten konnten." An seinem 63. Geburtstag
am 31. August tritt Eckehard Uhr nun in den Ruhestand. Die andere Niederlage begreift Uhr innenpolitisch und auf die gegenwärtige Asyl- und Flüchtlingsarbeit bezogen, "wo sich die Rahmenbedingungen - trotz Regierungswechsels - immer mehr verschlechterten". Am meisten macht ihm dabei der ungeheure Zynismus zu schaffen, mit dem die Behörden über die menschliche Verzweiflung von Vertriebenen - seien sie aus dem Kosovo, aus Kurdistan oder dem Iran - hinweggehen und "politische Unterstützung für die Regime bis zum letzten Tag" signalisiert wird. "Ein paar Tage vor Kriegsausbruch verkündete das Bundesamt zur Anerkennung ausländischer Flüchtlinge per Lagebericht des auswärtigen Amtes, es bestehe keine gezielte Vertreibungspolitik gegenüber Albanern im Kosovo. Es gab noch höchstrichterliche Anweisungen zum Abschieben von Kosovo-Albanern, als schon die Bombardierung Jugoslawiens vorbereitet wurde", empört sich der engagierte Christ und Unterstützer der Wanderkirchenasyle. Neben der aktuellen Tagespolitik und dem interreligiösen Austausch zwischen Moslems und Christen gilt seit April 1982 das Augenmerk des begeisterten Internationalisten mit dem ausgeprägten Faible fürs Türkische Bochums ausländischen Studierenden. Diese erhalten trotz langjähriger Forderungen der ESG-Ausländerreferent/innen kein Bafög und geraten oft in wirtschaftliche Not. Bundesminister und Parteien lehnten bislang einen Notfonds für unverschuldet in Not geratene ausländische Studierende ab. "In Afrika verdienen die meisten Familien aber nur zwischen 50 und 500 DM monatlich", erklärt der Studierendenpfarrer, "wie können die monatlich 1000 DM überweisen?" Deshalb gründete er vor über 12 Jahren den Bochumer Verein "Hilfe für ausländische Studierende" (RUBENS 44), bei dem er bis heute im Vorstand tätig ist. Daneben konnte er mit Geldern von "Brot für die Welt" oder aus einem ökumenischen Notfonds zahlreichen Studierenden Überbrückungshilfen an die Hand geben - Ergebnisse der bis Mitte der 80er Jahre getragenen internationalen Solidaritätsarbeit, die auch Eckehard Uhr politisch beeinflußte und mit sich trug. In gemeinsamer Arbeit kam man sich näher und erfuhr von den Problemen der ausländischen "Kolleginnen und Kollegen", so auch im Türkeikomitee, das sich bis Mitte der 90er Jahre regelmäßig versammelte. "Heute", so Eckehard Uhr mit einem Anflug von Bedauern, "haben sich die ausländischen Studierenden in der ausschließlichen Orientierung aufs eigene Studium dem Verhalten der deutschen Kommiliton/innen angepaßt. Da steht nicht mehr die politische Orientierung und die Solidarität mit dem eigenen Land im Vordergrund." Eine Reise in die Türkei der 60er Jahre, die ihn auch über Syrien und Jordanien führt und bei der er das erste Mal Kinderarbeit beobacht, öffnet dem jungen Theologen die Augen. Im Anschluß daran will er politisch aktiv werden und schließt sich der SPD an "weil man solche Verhältnisse nicht individuell lösen kann, sondern Veränderung nur durch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen möglich ist", erklärt er. Bis zur Einstellung als Studierendenpfarrer ist Uhrs Arbeitszeit als Schülerpfarrer im Hagener Kurt Gerstein Haus - inspiriert durch das Leben des Widerstandskämpfers und Namenspatrons - gefüllt mit Diskussionen über Faschismus und Neofaschismus. Mahnend sah er deshalb mit den aufkommenden wirtschaftlichen Problemen des Landes einen zunehmenden Rechtstrend in der Gesellschaft, der sich als Sündenbock die nichtdeutsche Bevölkerung suche, was sich nach den Brandanschlägen in Hünxe, Mölln, Solingen und Rostock grauenvoll bewahrheitete. Natürlich gab es immer welche, denen er zu unbequem war. Anderen wiederum galt er als nicht radikal genug, warfen ihm "Rechtslastigkeit" vor. "Heute haben diese Leute mich selbst ‚von rechts' überholt", schmunzelt der Wanderer zwischen den Kulturen und Religionen, "meine Kritiker besitzen engste Kontakte zur einst angeprangerten Botschaft, verfügen über Bausparverträge und haben ihren totalen Frieden." Dagegen hat er sich seinen "Stachel" über die Jahre hin bewahrt, der ihn, wie er sagt, "nicht ganz in den Schoß der Gesellschaft zurückfallen läßt." Schließlich gab es auch viele positive Erfahrungen, rundet der scheidende Pfarrer ab, der von seinen Freundinnen und Freunden liebevoll "Ecke" genannt wird. "Es gibt immer wieder engagierte Studierende, die aufeinander zugehen und ihre Vorurteile gegenüber Menschen anderer kultureller oder religiöser Herkunft aufgeben und ein Sensorium für die jahrtausendealte Kultur der Verflechtung und Vernetzung entwickeln", freut er sich. Mit einem großen Fest in der ESG ehrten und verabschiedeten die Kolleg/innen und Freund/innen ihren Ecke am 29. Juni - aber nicht für ewig: Der RUB bleibt er als Student der Geschichte und Islamwissenschaften erhalten, weil er " das Wissen um die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen vertiefen möchte.". Auch der Flüchtlingsarbeit und dem christlich-moslemischen Dialog ist er weiterhin ehrenamtlich verbunden. Die Kirchenleitung hat den Fortbestand von zwei Pfarrersstellen für den großen Kirchenkreis zugesichert - hoffentlich auch mit Blick auf die ausländischen Studierenden, "inshallah" setzt er zu, "möge Gott es so fügen". tas |
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| 30.06.1999 |