Valencia, du Schöne
   
  Katalanen und Katalanisten tagten an der RUB
 
 

"Die Frauen Valencias öffnen sich bei der Geburt wie eine Knospe und erleiden niemals Schmerzen." Solche paradiesischen Wunschvorstellungen sah der Würzburger Statistikprofessor Christian August Fischer Anfang 1800 in einer der drei katalanischen Provinzen, in Valencia, verwirklicht und verbreitete sie in seinem dreibändigen Werk mit dem Titel "Gemälde von Valencia".
"Valencia", so Prof. Dr. Manfred Tietz vom Romanischen Seminar der RUB, "galt in der Reiseliteratur schon früh als sonniges Urlaubsparadies und auch gut für amouröse Abenteuer. Es bot eine Alternative zum verregneten Deutschland", so Tietz in seinem Eingangsreferat zum 16. Katalanistentag Anfang Juni an der RUB, und letztlich auch eine passende Projektionsfläche für manch unterkühlten Wissenschaftler.
Die Liebe der Deutschen zur spanischen Küste besitzt also weit zurück reichende Traditionen, die mit den Jahren immer kontinuierlich gepflegt wurden und sich in einer reichen Reiseliteratur und intensiven wirtschaftlichen Beziehungen niederschlugen. Die kastilischsprachigen Spanier sehen dagegen ihre Landesschwestern und -brüder mit ganz anderen Augen. Ähnlich wie in den Stereotypen der Deutschen über Schwaben oder Schweizer, gelten Katalanen als "geizig", aber auch als "tüchtig", denn "sie machen Steine zu Brot", ergänzt Monika Moennig vom Romanischen Seminar.
Von solchem Gerede sind die Wissenschaftler/innen und Studierenden im idyllischen Tagungsort "Beckmannshof" aber weit entfernt, gilt es doch, zuerst einmal die Beziehungen zur noch jungen Wissenschaft "Katalanistik" aufzubauen und dabei den alten deutsch-katalanischen Beziehungen auf die Spur zu kommen.
"Die deutsche Katalanistik steckt noch in den Kinderschuhen", so Tietz, und daran ist der ehemalige Diktator Franco nicht ganz unschuldig, der die Sprache verbot und die katalanische Kultur unterdrückte. Erst 1978 hob die spanische Verfassung das Katalanische in den Status einer offiziellen Sprache. Auch der deutsch-katalanische Verband als Träger des Workshops ist noch jung, obwohl er jetzt schon 16 Katalanistentage auf dem Buckel hat, bei dem sich auch junge Studierende mit ihren Forschungen präsentieren.
"Katalanisch", so Tietz, "und das ist das Neue, wird in Zukunft ein fester Forschungsbestandteil sein und zum Profil eines jeden Hispanisten gehören. "An unserer Fakultät für katalanische Philologie der Uni Jaume in Castelló de la Plana können die Studierenden wählen, ob sie ihre Prüfungen in katalanisch oder kastilisch ablegen wollen", ergänzt die Katalanischlektorin Pilar Arnau.
In den Schulen lernen die Schüler/innen beide Sprachen, auch wenn sie andalusischer Herkunft sind, "das gibt manchmal Probleme", findet Tietz, die seine katalanische Mitarbeiterin aber nicht teilt - Stoff also für weitere Diskussionen.
Obwohl das Katalanische in Europa nicht als eigenständige Sprache gilt, so steht doch eines fest: Die Zahl der Katalanischsprechenden wird heute auf 9 Mio. geschätzt. Und nach der spanischen Tageszeitung El Pais werden in 12 % der katalanischen Stellenanzeigen Katalanischkenntnisse verlangt. Auch in anderen Teilen des Landes suchen Unternehmen verstärkt Personal mit regionalsprachlichen Kenntnissen. Katalanien ist ein wirtschaftliches Zugpferd, denn hier wird der saftigste Anteil des spanischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. "Es wird wichtiger, katalanisch zu lernen als kastilisch", so Tietz zukunftsweisend, "weil die internationalen wirtschaftlichen Beziehungen zu Katalanien intensiver als zu den anderen Provinzen Spaniens sind." In Deutschland lernen die Schüler/innen spanischer Herkunft übrigens nicht mehr selbstverständlich die spanische Pflichtsprache, sondern nur noch deutsch. Der "spanische Staat hat sich aus der Spracherziehung längst zurückgezogen, weil im europäischen Kontext jedes Land für sich selbst zuständig ist", so Tietz. tas

   
 
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30.06.1999