Verschiedene Hochzeiten
   
  Nebenberuf: Student
 
  Die dunkelblaue Visitenkarte gibt "Michael Alisch, Staatlich anerkannter Lehrherr der Technischen Universität München" an. Was etwas nach "Großmeister einer Geheimloge" klingt, war für den Gelsenkirchener das Trittbrett zum Sportstudium an der RUB. Denn bevor er sein Studium aufnahm, war er längst schon Tennislehrer und gerade dabei, sich als Rollstuhltennislehrer auszubilden.
Durch die halbjährige Zusatzqualifikation zum "Lehrherrn" nach seiner Tennislehrerausbildung kann er an seiner Gelsenkirchener Tennisschule auch Tennislehreranwärter aus München unterrichten. Er pendelt also nicht wie ein Tennisball zwischen München und Gelsenkirchen hin und her, steht auch nicht am Münchener Katheder und referiert über eine richtige Vor- oder Rückhand und ihren Einsatz bei Steffi Graf oder Boris Becker. Das spart Zeit.
Da Tennis ihn aber nicht völlig ausfüllte und er sich weiterbilden wollte, geriet er über die Bekanntschaft mit dem mittlerweile verstorbenen Professor Horst de Marées (Sportwissenschaften) an die RUB, wo er sich 1994 für Sport als Lehramt einschrieb. Doch das war ihm noch zu wenig: Weil er fürs Lehramtsstudium ein zweites Fach benötigte, belegte er -zielgerichtet - Jura. Denn einer seiner Wunschträume, Schöffe beim Amtsgericht Ruhr in Gelsenkirchen zu werden, hat sich bis heute nicht erfüllt. Bei den Juristen war bislang Kriminologie bei Prof. Hans-Dieter Schwind "mein Lieblingsfach, das mir eine fundiertere Sichtweise zu Tod und Sterben, aber ebenso zu Krankheiten und Behinderungen ermöglichte."
Auch der Sport wartete mit Rückschlägen auf. "Zusammen mit der Fakultät für Sportwissenschaften versuchte ich, ein Projekt Rollstuhltennis ins Leben zu rufen. Aber das scheiterte daran, daß der Zugang zu den Ascheplätzen immer zugeparkt war und die Rollis stecken geblieben wären. Leider konnte ich abends, wenn die Autos weg waren, keine Kurse anbieten, da ich dann in meiner Tennisschule unterrichtete. Das Honorar eines Übungsleiters ist im Verhältnis zum Tennislehrerhonorar zu gering", blickt er wehmütig zurück.
Seine zahlreichen Kontakte und Interessen haben ihm aber neben Tennis und Studium ein drittes Standbein verschafft: "Nebenbei" arbeitet er als freier Mitarbeiter bei der Wittener Sargmanufaktur "Serenade", die für ihre bunten und unkonventionellen Modelle bekannt ist. "Es ist wichtig, sich schon zu Lebzeiten mit dem Tod auseinanderzusetzen", so Alisch, "um in der Schocksekunde des Todes nicht alles so einfach über sich ergehen zu lassen. Die Arbeit mit Tod und Sterben hat für ihn etwas "mit Sinn" zu tun, raubt aber auch psychische Energien.
Um sich weiter fit zu halten, führt Alischs Weg wieder zur RUB. Dort leitet das Selbsthilfezentrum "Oase" eine einjährige Ausbildung zum Krisenhelfer, an der auch Alisch teilnimmt. Etwas Mystisches haftet dem Nebenberufsstudenten dennoch an. Sein Anrufbeantworter mahnt eindringlich den Anrufenden: "Bedenken Sie - jedes Ja oder Nein sind Ewigkeiten für die Dauer eines Augenblicks." Das Leben als runder Tennisball oder "danse macabre" - am Ende steht das mahnende "memento mori". Für Michael Alisch präsentiert es derweil verschiedene "Hochzeiten", auf denen er "tanzt". "Ich behalte dabei aber ganz gut den Überblick", so seine zuversichtliche Stimme aus dem Diesseits. tas
   
 
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30.06.1999