| Mit Chomsky am MIT | |
| Studium an einer amerikanischen Eliteuni | |
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| Auslandsstudium? Klar, das wollte ich von Beginn an machen,
seit ich im Sommer '96 mit meinem Studium, Anglistik, Amerikanistik und
Geschichte Nordamerikas, an der RUB angefangen hatte. Wo? Selbstverständlich
USA, da ich das Land liebe und viele Freunde dort habe. Leider muß man in
den USA hohe Studiengebühren zahlen, besonders wenn es eine gute Uni sein
soll. Einfach hingehen und einschreiben war also nicht. Ich hatte versucht, ein Stipendium zu bekommen, aber leider hat das nicht geklappt. Durch meinen Schwerpunkt Linguistik hatte ich viel über Noam Chomsky gehört und gelesen; ich fand seine Theorien faszinierend und wollte mehr lernen, vielleicht meine Magisterarbeit darüber schreiben. Also überlegte ich mir, daß ich, wenn ich "drüben" nicht studieren konnte, vielleicht etwas anderes tun könnte - arbeiten, z. B. einen Sommerjob bei Prof. Chomsky am Massachussetts Institute of Technology (MIT). Ich setzte einen Brief auf, fügte meinen Lebenslauf bei und schickte es ab. Zwei Wochen später bekam ich eine Email von Chomsky. Ein Sommerjob war nicht möglich, aber er würde mich bei einer Bewerbung als "visiting student" am MIT unterstützen. Als "visiting student" kann man zwar (offiziell) keine Scheine machen (als regulärer Austauschstudent kann man das natürlich, und die Scheine, soweit eindeutig aus ihnen hervorgeht, was gemacht wurde, werden an der RUB auch anerkannt), braucht aber auch keine Studiengebühren zu zahlen. Das war sehr ermutigend. Also begann ich eiligst, ein Studienvorhaben zu konzipieren sowie Empfehlungsschreiben von meinen Professoren einzuholen. Die Dozenten am Englischen Seminar waren verblüfft, aber auch sehr hilfsbereit. Das war Mitte Juni. Anfang August konnte ich endlich die Bewerbung zum MIT faxen und wurde nach ihrer Überprüfung im Fachbereich Linguistik auch aufgenommen - was mich sehr erstaunte, da das MIT eine Eliteuni und deshalb extrem wählerisch ist. Bevor ich nach Cambridge abreisen konnte, benötigte ich noch eine Unterkunft. Ein Platz im Studentenwohnheim stand mir nicht zu. Nun habe ich zwar viele Freunde in Amerika, aber leider niemanden an der Ostküste. Nach einigem Hin- und Her und mit Hilfe von Leuten, die ich eigentlich gar nicht kannte, wurde meine Emailadresse auf diverse MIT Mailing Listen gesetzt und innerhalb kürzester Zeit hatte ich zwei preislich zumutbare Zimmerangebote. Ich telefonierte mit den Leuten und bekam ein Zimmer nur fünf Minuten vom Campus entfernt. Als ich hier ankam, war ich doch sehr nervös. Immerhin ist das MIT eine der besten Unis der Welt, und die Anforderungen sind entsprechend hoch. Ich wollte zwar keine Scheine machen, aber trotzdem fragte ich mich, wie es werden würde. Und dann war da auch noch Noam Chomsky. So genial, so berühmt für seine linguistischen Theorien, so berüchtigt für seine politischen Ansichten, und ich würde ihn tatsächlich kennenlernen - Wow! Wie sich herausstellte, ist Noam (man ist hier mit allen auf Du und Du) genial, berühmt und - ganz normal. Bei unserem ersten Gespräch unterhielten wir uns ca. 20 Minuten über seine Familie und andere, völlig unlinguistische Themen. Er (wie auch alle anderen Professoren hier) ist keinesfalls ein Halbgott, vor dem man sich verbeugen muß, und der keine Zeit für Studenten hat. Im Gegenteil: Studenten kommen bei ihm und am MIT allgemein an erster Stelle; man kann ihn jederzeit im Gang stoppen und Fragen stellen. Das Studium und der Studienalltag sind hier völlig anders als in Deutschland. Der Umgang der Leute untereinander ist viel freundlicher und lockerer. Obwohl extremer Leistungsdruck herrscht, sind alle sehr hilfsbereit, niemand ist ein Einzelkämpfer. Zu Beginn eines jeden Kurses gibt es die Emailadresse und die private Telefonnummer des Dozenten, und die Kursteilnehmer werden aufgefordert, sich wenn nötig jederzeit mit ihm oder ihr in Verbindung zu setzen. Das ist nicht nur eine leere Floskel. Das Studium in den USA ist verschult, die Dauer der Studiengänge ist haargenau vorgegeben - deshalb wird gearbeitet. Ich habe es noch nicht geschafft, allein im Computerarbeitsraum des Linguistischen Seminars zu sein. Nicht abends um elf und nicht sonntags! Auch in den Kursen, in denen nicht mehr als zehn bis 15 Studenten sind, wird hart gearbeitet. Man bekommt in jedem Kurs jede Woche Hausaufgaben auf, die pünktlich eingereicht werden müssen - oder man besteht nicht. Klausuren oder Hausarbeiten muß man ebenfalls schreiben. Trotzdem beklagt sich niemand; man will etwas leisten für sein Geld. Am MIT macht man sich Sorgen, ob man ein A+ (1+) oder A- (1-) bekommt. Also wird gelernt - nachts und an Wochenenden, in Lerngruppen oder allein, zu Hause oder in den Bibliotheken (die in der Woche bis Mitternacht und auch am Wochenende geöffnet sind). Viel Streß, aber wenn man erst mal Examen gemacht hat - ein Abschluß vom MIT zählt in der Arbeitswelt. Tja, ich bin jetzt seit etwas mehr als neun Monaten hier und habe gerade mein Visum um weitere neun Monate verlängert. In den vergangenen zwei Semestern habe ich Kurse in Linguistik belegt, und seit Anfang '99 arbeite ich mit Ken Wexler, einem Prof. in Linguistik und "Brain and Cognitive Sciences", an einem Projekt zum kindlichen Spracherwerb und hoffe, daß die Ausarbeitung der Ergebnisse zu meiner Magisterarbeit führen wird. Und ja, ich werde mich für nächstes Jahr um einen Platz im Doktoranden-Programm hier bewerben. Es wird zwar sehr hart werden, aber das ist es wert. Stefanie Winter |
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| Bei Fragen zum MIT, zu Linguistik, zum Studium hier, oder zu was auch immer, schickt mir eine Email (winter@mit.edu) oder schreibt mir einen Brief (S. Winter, 34 Madison Ave, Cambridge MA 02140, USA) und checkt die MIT Website (http://web.mit.edu/) | |
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| 30.06.1999 |