"Klassikerwochen" am Bochumer Schauspielhaus während des Dritten Reiches
   
  Serie: Theatergeschichtliche Sammlung
 
 

Saladin Schmitt, der von 1919 bis 1949 Intendant der Bochumer Bühne war, orientierte sich mit seinem Konzept an bildungsbürgerlichen Idealen. Im Stile des 19. Jahrhunderts konzentrierte er sich auf einen Dramenkanon, der neben den deutschen Bühnenklassikern überwiegend Shakespeare berücksichtigte. Sein künstlerisches Schaffen fand seinen Höhepunkt in zyklischen Festaufführungen jeweils eines von ihm als verbindlich erachteten Dramatikers.
Diese Festwochen bauten auf der repräsentativen Funktion von Theater auf und wirkten als Großereignisse auf die interessierte Öffentlichkeit. Die 1927 begonnene Festspielpflege wurde während des Dritten Reichs ausgebaut. Das Jahr 1937 markierte dabei einen Höhepunkt: der Festwoche "Dramatiker der HJ" schloß sich die "II. Deutsche Shakespearewoche" an, und zwischen beiden wurde noch eine Aufführungsreihe "Klassisches und neues Drama" gezeigt.
Während der Intendantenzeit Schmitts wurden die folgenden Dichter durch Festwochen gewürdigt: Shakespeare (1927), Goethe (1928), Hauptmann (1932), Schiller (1934), Kleist (1936), Shakespeare (1937), die Dramatiker der HJ (1937), Hebbel (1939) und Grabbe (1941). Im Dritten Reich waren Festspiele Foren, in deren Rahmen sich die Nationalsozialisten als Protektoren der deutschen Kunst darstellten. 1934 scheiterte der Versuch noch, die nationalsozialistische Führungselite über die Vergabe von Schirmherrschaften an die Bochumer Festveranstaltung zu binden; aber 1936 waren die Bemühungen erfolgreich. Durch die Protektorate wurde Saladin Schmitts Festwochenkonzept vor dem Hintergrund des totalitären Verfügungsanspruchs der nationalsozialistischen Machthaber ausgeweitet. Seit 1937 bezuschußte das Propagandaministerium die Festwochen.
Die inhaltliche Funktionalisierung des Bochumer Festwochenkonzeptes wurde durch die verfügte Veranstaltung "Dramatiker der HJ" vom Reichsdramaturgen Schlösser aufgedeckt: Schmitt hatte eine Leistungsschau einer jungen, nationalsozialistischen Dramatik zu präsentieren. Doch auch die bildungsbürgerlich konservativen Inhalte von Saladin Schmitts Festspielen boten sich für die Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten an. Diese bedienten sich der Autoren der deutschen Bühnenklassik und verwandelten sie in Träger nationalsozialistischer Gedankengebilde.
Schmitt zeigte im Rahmen der Festwochen historisierendes Monumentaltheater, das zwar keine dezidiert nationalsozialistischen Implikationen aufwies, sich aber als Folie für die nationalsozialistische Inanspruchnahme gebrauchen ließ. Unter dem programmatischen Titel "Kleists Vermächtnis" bildete die Bochumer Festwoche 1936 den Höhepunkt der Feierlichkeiten im Dritten Reich anläßlich von Kleists 125. Todestag. Mit der Radikalisierung des Goebbelsschen kulturpolitischen Kurses, die durch die Verschärfung der außenpolitischen Situation bedingt war, offenbarten sich die Grenzen des nationalsozialistischen Eklektizismus. Anläßlich der Hebbelwoche wurden die Aufführungen der Dramen Judith und Herodes und Marianne wegen ihres alttestamentarischen und somit jüdischen Stoffes verboten, und in Schmitts Nibelungeninszenierung wurde reglementierend eingegriffen. Die für 1940 geplante Neuinszenierung von Shakespeares Königsdramenzyklus wurde nicht realisiert.
Mit der 1941 durchgeführten Grabbewoche näherte sich Schmitt einer den Nationalsozialisten opportunen Dramatik an. Eine schleichende Instrumentalisierung der Inhalte der Bochumer Festwochen ist zu konstatieren, muß jedoch vor dem Hintergrund der Institutionalisierung von Grabbetagen in Detmold relativiert werden. Aus der Detmolder Veranstaltung erwuchs Schmitt Konkurrenz zu seinen Festwochen. Auch wenn davon auszugehen ist, daß Saladin Schmitt die gesteigerte Öffentlichkeit durch die Integration der nationalsozialistischen Machtelite sehr gelegen kam, dürfte ihm doch nicht bewußt geworden sein, daß mittels seiner "Klassikerwochen" nationalsozialistische Politik betrieben wurde. Jessica Pesch

  Jessica Pesch: "Festspiele für ein neues Deutschland? Saladin Schmitts Klassikerwochen am Schauspielhaus Bochum im Dritten Reich", 120 S. Herne 1999
 
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31.05.1999