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Wie kommt ein Japanologe dazu, englische Krimis zu übersetzen? Prof.
Peter Weber-Schäfer übertrug drei Romane des englischen Autors Philipp
Kerr ins Deutsche: "Das Wittgenstein-Programm" (1994), "Game over" (1996)
und "Esau" (1997).
Eigentlich bekleidet Weber-Schäfer den Lehrstuhl für Politik Ostasiens
(Fakultät für Ostasienwissenschaften, OAW) an der RUB. Der 63jährige ist
froh, nur noch drei Semester vor sich zu haben. In seiner Funktion als
Dekan verbringt er viel Zeit mit Verwaltung und Gremiensitzungen. "Weil
es so entspannend ist", übersetzt Weber-Schäfer Krimis aus dem Englischen.
Das kann allerdings nur jemand sagen, der für seine Promotion in Japanischer
Literaturgeschichte frühe japanische Lyrik und klassisches Theater des
13./14. Jahrhunderts übersetzt hat. Außerdem ist Englisch eine Sprache,
in der sich der Japanologe schon immer zu Hause fühlte. Aufgewachsen in
den Vororten von London, sagt Weber-Schäfer zu seinem Geburtsort Bernburg
an der Saale lediglich: "Fragen sie mich nicht, wo das liegt!"
Nach seiner Lieblingsübersetzung "Im Labyrinth des Denkens" von William
Poundstone (1992), einem Buch, das von Erkenntnistheorie handelt, fragte
der Verlag, ob Weber-Schäfer nicht Kerrs "A Philosophical Investigation"
(dt.: "Das Wittgenstein-Programm") übersetzen wolle. Der Roman enthalte
so viele philosophische Zitate. Schließlich hat Weber-Schäfer nicht nur
Japanologie und Chinesisch, sondern zeitweise auch Philosophie studiert.
"Das Wittgenstein-Programm" ist nach Ansicht des Ostasienwissenschaftlers
immer noch deutlich der beste von Kerrs Romanen. Kerr sei zwar kein bedeutender,
aber ein guter Schreiber. Der englische Autor könne sich erstaunlich gut
in die Hintergründe, wie beim "Wittgenstein-Programm" in Philosophie oder
bei "Esau" in Anthropologie, einarbeiten. Auch der Übersetzer muß sich
in die jeweilige Fachliteratur einlesen. Weber-Schäfer korrigiert dann
stillschweigend. "Ein Krimi ist kein Werk
für die Unsterblichkeit. Als Übersetzer versucht man, auf der Grundlage
des englischen Textes ein anständiges deutsches Buch zustande zu bringen,
im übrigen übersetzt man nicht Satz für Satz, sondern sozusagen Gedanke
für Gedanke".
Sachliche Korrekturen seien dabei legitim. Schließlich entspreche der
Roman, den Kerrs Verlag gedruckt habe, auch nicht dem ursprünglichem Manuskript
von "Esau".
Für Weber-Schäfer, der aus dem Manuskript zu übersetzen begonnen hatte,
tauchten mit den Druckfahnen der englischen Fassung daher einige Ungereimtheiten
auf: "Da zieht 'der Held' mit vier Sherpas über den Gletscher, fünf davon
fallen dann in die Gletscherspalte. Der Text war geändert worden. Da mußten
wir noch mal zurück."
Die wirkliche Schwierigkeit bei der Übersetzung von "Esau" lag jedoch
woanders: "Ich bin ein völlig unsportlicher Mensch und verstehe nicht
das Geringste vom Bergsteigen". Bewältigen konnte Weber-Schäfer dieses
Problem nur durch Fachliteratur und einem "Netzwerk von Freunden, die
selbst Bergsteiger sind". Er rief einfach einen alten Freund an: "Paß
mal auf, wenn Du das und das machst und das Seil so und so rum legst,
wie nennt man das? Das ist das Einzige, was dann hilft." Zumindest habe
man dann keine Wörterbuchübersetzung, sondern das, was ein deutscher Bergsteiger
sagen würde. Man sollte so übersetzen, daß der Text einem deutschen Publikum
etwas sagt. Da wird auch schon einmal der hierzulande eher unbekannte
englische Boxer Frank Bruno kurzerhand ausgetauscht: "Es klang, als stände
er gleichzeitig gegen Mike Tyson und Henry Maske im Ring", heißt es dann
in der deutschen Fassung von "Esau". Ob solche Änderungen legitim sind,
hängt für Weber-Schäfer auch vom Anspruch des Buches ab: "Bei einem großen
Roman der Weltliteratur würde man nicht so einfach damit umspringen".
Philip Kerr sieht er eher als einen geschickten Schnellschreiber. Während
der Autor sich bei einem Treffen darüber beklagt habe, daß sein Verlag
nicht zeitgleich zwei Romane von ihm veröffentlichen wolle, ist der OAW-Dekan
der Ansicht, der Engländer schreibe zu schnell: "Esau
gehört um etwa hundert Seiten gekürzt", sagt er. Und: "Die letzten
Sachen sind stellenweise schlampig recherchiert".
Ganz ohne Vorurteile sind Kerrs Romane ebenfalls nicht. In "Esau" stört
sich der Amerikaner Cody daran, daß die deutsche Ärztin einem der Führer
beim Deutschlernen hilft: "Oder war für sie, wie für viele ihrer Landsleute,
eine englischsprachige Welt einfach eine Zumutung?" Weber-Schäfer stieß
das beim Übersetzen weniger sauer auf. Schließlich sei das ja nur die
Schilderung von dem, wie ein Amerikaner sich einen Deutschen vorstellt.
Er ergänzt allerdings: "Kerr arbeitet gerne
klassische britische antideutsche Tendenzen ein".
Nicht dies ist der Grund dafür, daß der Ostasienwissenschaftler die letzten
zwei Romane Kerrs nicht übersetzt hat. Der Verlag bot ihm "etwas Chinesisches
an, das ihn mehr interessierte. Und schließlich übersetzt er immer nur
etwa ein Buch pro Jahr: "Es gibt Leute, die leben davon. Das heißt aber,
daß sie sich die Fingerkuppen blutig schreiben." Im Gegensatz zu Kerr.
Der hatte die Filmrechte für "Esau" schon millionenschwer verkauft, bevor
der Krimi überhaupt erschienen war.
Bis zu seiner Emeritierung wird Weber-Schäfer wohl kein derart tüchtiger
Geschäftsmann mehr. Für die Zeit danach wünscht er sich, hauptsächlich
neuere chinesische Literatur übersetzen. Zwischendurch wird er sich natürlich
entspannen. Katja Stiegel
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