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153 Medaillen, sieben Jahre lang den Weltrekord über 100 Meter Freistil
gehalten, ein Sportlehrerdiplom an der RUB mit Auszeichnung - nur einige
Stationen aus Holger Wölks Traumkarriere. Von seiner Behinderung hat er
sich dabei nicht beirren lassen. Von Geburt an ist sein rechter Oberschenkel
stark verkürzt: Der Fuß befindet sich auf Höhe des linken Kniegelenks.
Eine Prothese ermöglicht ihm, beinahe wie jeder andere zu gehen und sportliche
Bestleistungen zu bringen.
In den Leistungssport ist Wölk "so reingerutscht". Zuerst sah es gar nicht
danach aus, als sei ihm der sportliche Erfolg in die Wiege gelegt worden
- ganz im Gegenteil: In der Grundschule hat man ihn wegen seiner Behinderung
sogar vom Sportunterricht befreit. Und doch war es gerade diese Behinderung,
die ihn schließlich zum Leistungssportler werden ließ: Um Rückenproblemen
durch seine unterschiedlich langen Beine vorzubeugen, hatte ihm sein Orthopäde
geraten, zum Ausgleich viel zu schwimmen. Ein schicksalhafter Rat, wie
sich herausstellen sollte.
Wölk tat das Naheliegende: Er trat einem Behindertensportverein bei. Schon
bald war er dort aber unterfordert: "Die Vereine gingen auf Versehrtensportclubs
zurück, in denen Veteranen trainierten, die im Krieg verwundet worden
waren. Die meisten von ihnen waren ältere Männer, und die Ansprüche waren
dementsprechend gering. Aber wenn ich was mache, dann mache ich es auch
richtig", erklärt er seine Unzufriedenheit.
Kurzerhand wechselte er als einer der ersten behinderten Jugendlichen
in einen Sportverein vom Nichtbehinderte. "Im
Prinzip war ich der Vorkämpfer für alle" sagt er. Mit der Zeit
habe der Leistungsgedanke auch in den Behindertensport Einzug gehalten.
Mittlerweile beginnen Behinderten- und Nichtbehindertensport zu verschmelzen.
Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung seien die Paralympics, die immer
mehr öffentliches Interesse wecken, was wiederum den Ehrgeiz der Sportler
anstachelt und die Leistungen weiter verbessert.
Sein Hobby zum Beruf zu machen war aber nicht von Anfang an sein Wunsch:
Nach der Schule hat er in Dortmund zunächst sechs Semester lang Informatik
studiert. "Auf die Dauer war das aber viel zu trocken, und zur Elektrotechnik
hatte ich überhaupt keinen Draht", ist seine Bilanz. Außerdem war das
Studium zu dieser Zeit zweitrangig, da er täglich stundenlang im Schwimmbad
war. In den Vorlesungen fielen ihm dann die Augen zu, und irgendwann stand
der Entschluß fest, etwas anderes zu machen. "Mehr Praxis, mehr Action"
- so entstand die Idee, in Bochum Sportwissenschaften zu studieren. Die
anfangs etwas skeptischen Dozenten wurden schnell eines besseren belehrt:
Durch ein Gutachten vom Orthopäden und vom sportärztlichen Dienst ließen
sie sich überzeugen, Wölk studieren zu lassen. Der obligatorische Eignungstest
wurde leicht abgewandelt; ansonsten konnte er fast alle elf Disziplinen
planmäßig absolvieren. Lediglich im Turnen und in der Leichtathletik ersetzte
er Teile der Prüfungen durch Lehrproben, weil ihm die Prothese keine Sprünge
erlaubt.
Überhaupt hat Wölk die Erfahrung gemacht, "daß man sich immer irgendwie
arrangieren kann." Beim Tennis z. B. konnte er fehlende Schnelligkeit
durch mehr Ballgefühl kompensieren. In Mannschaftssportarten mußten Teamkollegen
Teile seiner Aufgaben übernehmen. "Wenn man das vorher abspricht, ist
das meist kein Problem." Die Sache hat sogar ihre Vorteile: "Wenn
mich einer vors Schienbein trat, hatte er anschließend selber den blauen
Fleck."
Abgesehen von einer anfänglichen Besorgnis, ob er auch wirklich
alles mitmachen kann, gehen Sportkollegen und Kommilitonen mit seiner
Behinderung ganz selbstverständlich um. "Sportler sind immer lockerer.
Man hat einfach das Interesse, zusammen zu spielen", stellt er fest. Schräge
Blicke erlebt er eher anderswo: Wenn er im Sommer in kurzen Hosen durch
die Stadt geht, drehen sich die Leute nach ihm um, besonders Kinder sind
neugierig. Wölk findet das nur menschlich: "Wenn ich draußen jemanden
mit grünen Haaren sehe, drehe ich mich auch um." An die allgemeine Aufmerksamkeit
hat er sich gewöhnt; Kindern, die ihn ansprechen, erklärt er seine Behinderung.
Wenn die Eltern nur beschämt sagen: "Guck
da nicht so hin, der Mann hat Aua!" sei das die völlig falsche
Reaktion auf ihre gesunde Neugier.
Wölk hat die Erfahrung gemacht, daß es "am wichtigsten ist, selbstbewußt
mit der Behinderung umzugehen und offen zu sagen, was man nicht kann.
Ansonsten soll man alles probieren und sich bloß nicht zu sehr selbst
bemitleiden." Wie gut oder schlecht jemand mit seiner Behinderung lebt,
liege in seinen eigenen Händen. Wölk selbst ist aus dem Sport und seinem
Studium gestärkt hervorgegangen. Zwangsläufig hat er Offenheit und Durchsetzungsvermögen
gelernt. "Man muß sich bemühen und den Leuten zeigen, daß man sich anstrengt,
dann wird man auch akzeptiert" glaubt er.
Aus dem Leistungssport hat sich der 30jährige mittlerweile zurückgezogen.
"Nachdem ich jahrelang fünfmal wöchentlich vier Stunden trainiert hatte,
hatte ich einfach keine Lust mehr", erklärt er. Trotzdem verbringt er
noch viel Zeit im Schwimmbad, jedoch meist am Beckenrand: Als Trainer
von Nachwuchsschwimmern gibt er seine Erfahrung weiter.
Seine eigene Zukunft und die des Behindertensports sieht er optimistisch,
zumal es gute Fortschritte in der Prothesentechnik gibt. Früher, in seiner
Kindheit, wog Holger Wölks künstliches Bein noch zwischen neun und zehn
Kilo. Wohlgemerkt ein Kinderbein, das noch wesentlich kleiner war als
das, das er heute trägt. Oft mußte es wöchentlich zur Reparatur in die
Werkstatt, weil es seinem jugendlichen Ungestüm nicht gewachsen war. Seine
jetzige Prothese wiegt nur vier Kilo und hält etwa fünf Jahre, bis sie
dem normalen Verschleiß zum Opfer fällt.
Von allen Preisen und Auszeichnungen, die Holger Wölk erhalten hat, ist
ihm das silberne Lorbeerblatt für herausragende
sportliche Leistungen am wichtigsten: "Bis Anfang der 90er Jahre
war es nämlich nichtbehinderten Sportlern vorbehalten, 1993 war ich einer
der ersten behinderten Sportler, die es bekamen", erzählt er stolz. Seine
Zukunftspläne sehen aber eher geruhsam aus: Wenn alles gut geht, wird
er ab Sommer beim Stadtsportbund oder beim Sportamt Dortmund arbeiten,
"aber mehr als Funktionär in der Verwaltung". Meike Drießen
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