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RUBENS: Herr Professor Petzina, was
halten Sie eigentlich vom Qualitätspakt?
Petzina: Ich denke, daß sich die Beurteilung an zwei Gesichtspunkten
zu orientieren hat. Kritisch und prinzipiell negativ ist die Tatsache,
daß bei wachsenden Studentenzahlen eine Reduktion von Stellen stattfindet.
Das halte ich für das falsche Signal.
Der andere Aspekt dieses Qualitätspakts, der eigentlich ein Rationalisierungspakt
ist, liegt darin, daß wir die Chance haben, unsere Strukturen zu überprüfen,
und das sollten wir auch tun. Die Überprüfung können wir mit einer erhöhten
Planungssicherheit verbinden. Wir beklagen schon länger die Hektik und
Zufälligkeit beim Zugriff auf die Ressourcen der Hochschulen. Vor allem
die letzten Jahre standen im Zeichen einer unsicheren Planung. Der Qualitätspakt
sichert nun zumindest einen Teil der finanziellen Planung; hinzu kommt
der Wegfall der Stellensperre, aber dazu später.
RUBENS: Der Pakt beinhaltet den
Wegfall von knapp 200 Stellen an der RUB. Haben Sie eine Vorstellung,
nach welchen Kriterien die Streichungen erfolgen?
Petzina: Entscheidend ist, daß innerhalb der RUB ein Konsens
über Kriterien und die Vorgehensweise gewährleistet ist. Deshalb besitzen
die Kriterien, die ich jetzt nenne, keinen verbindlichen Charakter, es
handelt sich um meine subjektiven Vorstellungen. Wir werden nicht linear
vorgehen und überall gleich viel kürzen, vor allem aus Rücksicht auf kleine
Fächer, die sich bereits jetzt an der Mindestgrenze der notwendigen kritischen
Masse bewegen. Einige Fächer werden mehr, andere weniger betroffen sein.
Wir werden auch darauf achten müssen,
daß wir positive, zukunftsorientierte Entwicklungen berücksichtigen.
Indikatoren dafür können Forschungsleistungen sein, etwa die Einwerbung
von Drittmitteln, kurzum: die Zukunftsfähigkeit eines Fachs. Wir werden
- auch mit Hilfe Außenstehender - die Frage zu beantworten haben, weshalb
sich in einigen Fächern mehr bewegt als in anderen. Ein weiterer Punkt
betrifft die Fächervielfalt an unserer Uni, die möglichst erhalten werden
soll. Dabei kommt es u. a. darauf an, daß sich Fächer miteinander verknüpfen,
dort wo es sinnvoll ist. Dann werden auch kleinere Fächer weiterhin ihren
unentbehrlichen Beitrag in Lehre und Forschung leisten, zum Teil in Kombination
mit anderen Fächern. Ein weiteres Kriterium bezieht sich auf die bisherige
Ausstattung. Dort, wo nur ein Mindestmaß existiert, kann selbstverständlich
nicht mehr weiter reduziert werden.
RUBENS: Sie erwähnten den Wegfall
der Stellensperre. Könnten Sie das genauer erklären?
Petzina: Bislang mußten wir pro Jahr 60 bis 70 Stellensperren
in Kauf nehmen, Stellen also, die erst nach einem Jahr neu besetzt werden
konnten. Ab 2000 entfällt - im Falle der Teilnahme am Qualitätspakt -
diese Sperre. Eine große Erleichterung für uns.
RUBENS: Im Falle der Teilnahme? Gibt
es eine Alternative?
Petzina: Formal ja, inhaltlich bin ich allerdings der Meinung,
daß wir keine realistische Alternative besitzen. Ich denke, daß auch die
Diskussion am 29. April im Senat dies verdeutlichen wird. Nun zur theoretischen
Alternative, die die Rektoren am 14 April mit Ministerin Behler diskutiert
haben. Nicht teilnehmende Hochschulen haben demnach weiterhin mit sogenannten
Bewirtschaftungsmaßnahmen, sprich Kürzungen zu rechnen, mit einer Absetzung
von jährlich zwei Prozent der Stellen in allen noch nicht überprüften
Organisationsbereichen (an der RUB wären das, abgesehen von der Verwaltung,
alle Bereiche); weiterhin würde man auch nicht vom sogenannten Innovationsfonds
- im nächsten Jahr insgesamt 40 Mio. DM - profitieren und hätte weiter
unter der Stellensperre zu leiden. Inhaltlich hat man also nur eine Scheinalternative.
RUBENS: Nochmals zum Verfahren
bei den Stellenkürzungen. Anhand welcher Diskussionsprozesse innerhalb
der Uni sollen sie zustande kommen?
Petzina: Diese Frage halte ich für sehr wichtig. Für
mich ist Akzeptanz im Verfahren innerhalb der Uni eine zwingende Voraussetzung.
Das Rektorat läßt durch eine Kommission, zu der Mitglieder aller Gruppen
der Uni zählen, Vorschläge entwickeln. Diese werden anschließend in den
zuständigen Gremien, insbesondere in der Universitätsstrukturkommission
und im Senat, beraten, ergänzt und verändert. Der Senat als letztentscheidende
Instanz wird noch vor Ende des Sommersemesters über die Kriterien beraten.
RUBENS: Welche Gegenleistungen erwarten
Sie vom Land?
Petzina: Zunächst: Die Ruhr-Uni wird ihre Einwilligung zum
Pakt nicht durch Schweigen geben, was theoretisch möglich wäre. Statt
dessen wird die RUB nach meiner Vorstellung ihre Zustimmung an klare Voraussetzungen
binden. Im Falle der Billigung des Senats
werden wir dem Ministerium vier Bedingungen nennen:
Erstens: Eine glaubwürdige Zusicherung, daß alle Zusagen der Landesregierung
für den Zeitraum bis 2005 verläßlich gültig sind. Deshalb brauchen wir
hierzu eine schriftliche Vereinbarung. Ministerin Behler hat bereits ihre
Bereitschaft zu einem derartigen Verfahren signalisiert.
Zweitens: Die RUB geht davon aus, daß alle Stellenkategorien in die Überprüfung
einbezogen werden können, also auch Stellen in der Verwaltung. Diese Bedingung
ist aus Gründen der Akzeptanz nach Innen bedeutsam, damit nicht im Wissenschaftsbereich
der falsche Eindruck entsteht, die Verwaltung wäre von solchen Überlegungen
vollkommen ausgeschlossen. Freilich füge ich hinzu: Die Verwaltung ist
bereits vor kurzem überprüft worden, so daß hier materiell kaum ein Spielraum
existiert.
Drittens: Die Mittel des versprochenen Innovationsfonds müssen über das
Jahr 2000 hinaus quantifiziert werden, zudem sollten die Mittel in den
jeweiligen Universitätshaushalten ausgebracht werden, um sicher planen
zu können. Nächstes Jahr sollen wir hieraus 3,7 Mio. DM für Investitionszwecke
erhalten.
Viertens: Die RUB besteht darauf, vor den Empfehlungen des Expertenrates,
der landesweit die Hochschulen überprüft, Stellung beziehen zu können.
Außerdem werden wir auf Transparenz bei der Arbeit dieses Gremiums drängen.
RUBENS: Sehen Sie die Gefahr, daß
die RUB mittelfristig keine Volluni mehr sein wird?
Petzina: Unser Ziel ist es, auch in Zukunft die einzige ausdifferenzierte
Volluni im Ruhrgebiet zu sein, das ist zentral für unsere Identität. Das
heißt aber nicht, daß wir eine Bestandsgarantie für alle 100 Studiengänge
geben können. Im Zweifelsfall ist es besser,
sich von einigen Studiengängen zu trennen, als überall die Studienbedingungen
zu verschlechtern. Das tangiert noch nicht das Prinzip der Volluniversität.
RUBENS:Sie sind als Rektor mit dem
Ziel angetreten, eine größere Kooperation im Ruhrgebiet anzustreben. Wie
stellen Sie sich angesichts des Qualitätspakts die Zusammenarbeit mit
den anderen Hochschulen im Revier vor?
Petzina: Kurzfristig sind die Absprachen der Revierunis untereinander
durch den Qualitätspakt erschwert worden. Das wird sich im Herbst, nach
den ersten Empfehlungen des Expertenrates und unserer eigenen Strukturanalysen,
die ja primär eine Analyse unserer Stärken und Schwächen beinhaltet, wieder
ändern. Dann werden wir sicherlich mit den benachbarten Hochschulen ins
Gespräch kommen, etwa mit Dortmund oder Essen. Wir wollen aber auch den
Blick etwas weiter richten. Ich kann mir gut
vorstellen, daß wir uns für einzelne Bereiche auch mit Münster abgleichen.
Die Uni Münster ist mit der RUB gut vergleichbar, von der Größe her und
von der Fächervielfalt.
RUBENS: Wir haben bislang nur von
Stellenabbau gesprochen, wir bekommen aber auch etwas, für das Jahr 2000
3,7 Mio. DM. Was machen wir damit?
Petzina: Dafür haben wir klare Vorgaben, es sind Mittel, die
für investive Ausgaben und für Sachausgaben vorgesehen sind, und da haben
wir überhaupt keine Probleme, das Geld zu verwenden, wir könnten locker
das Vielfache ausgeben. Ich will hier nicht möglichen Beschlüssen des
Rektorats vorgreifen, verweise gleichwohl auf unsere Defizite bei kleineren
Bauvorhaben, auf die Lücken in der Vernetzung oder die Engpässe bei der
Geräteausstattung in den Ingenieur- oder Naturwissenschaften.
RUBENS: Noch eine Frage, die indirekt
mit dem Qualitätspakt zu tun. Kürzlich ist ja ein erneutes Uni-Ranking
im Spiegel erschienen, bei dem die RUB und andere NRW-Unis denkbar schlecht
abschneiden. Besteht nicht angesichts der weiteren Kürzungen die Gefahr,
daß NRW noch weiter ins Hintertreffen gerät und die Hochschulen hier an
Attraktivität verlieren?
Petzina: Die Gefahr besteht in der Tat. Für mich ist vor allem
das Urteil der Studierenden über die RUB eine große Herausforderung, die
nicht nur durch zusätzliche Mittel und Personal zu bewältigen ist. Wir
werden in nächster Zeit präzise, qualifiziert und selbstkritisch darüber
diskutieren, weshalb wir in der Wahrnehmung unserer Studierenden so kritisch
gesehen werden, vor allem in der Lehre, wo uns die Studierenden in einer
Reihe von Fächern eine unübersichtliche Lehrorganisation oder fehlendes
Engagement vorwerfen. Ziel muß es sein, vor Ort, in den Fakultäten, eine
Korrektur der Schwachstellen vorzunehmen. Dazu benötigen wir auch die
Hilfe unserer Studierenden.
RUBENS: Herr Professor Petzina, wir
bedanken uns für dieses ausführliche Gespräch.
Fakten
Für die RUB sieht der "Qualitätspakt" zur Zeit (Mitte April '99) folgende
Veränderungen vor: Bis zum 31.12.09 müssen 194 (von 3.099) Stellen eingespart
werden, davon die ersten 78 bis zum 31.12.03.
Im Gegenzug erhält die RUB für das Haushaltsjahr 2000 Mittel in Höhe von
3,7 Mio. DM aus dem sog. Innovationsfonds, für die folgenden Jahre (bis
2010) stehen die Mittel noch nicht fest.
Eine weitere wichtige Neuerung ist der Wegfall sowohl der Stellensperre
als auch der Bewirtschaftung seitens der Landesregierung (Details dazu
im Interview).
Ein sog. Expertenrat (dem der ehemalige Bochumer Juraprofessor und HRK-Präsident
Hans-Uwe Erichsen vorsitzt) soll gemeinsam mit den Hochschulen die Neujustierung
der NRW-Hochschullandschaft erörtern und dem Land Vorschläge für Optimierungen
und Kooperationen benachbarter Standorte machen. ad
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