Kann wegfallen!
   
  Qualitätspakt mit dem MSWWF - Interview mit Rektor Prof. Petzina
 
  Bekanntlich (siehe RUBENS 42, Editorial) möchte Wissenschaftsministerin Gabriele Behler (MSWWF) einen "Qualitätspakt" mit den Hochschulen in NRW schließen. Böse Zungen sprechen dabei von einem Pakt mit dem Teufel: Die Hochschulen verkaufen ihre Seelen (bauen Stellen ab, die berühmten mit dem KW-Vermerk, "kann wegfallen") und erhalten dafür ermeßlichen Reichtum (finanzielle Planungssicherheit und zusätzliche Mittel für die nächsten zehn Jahre). Natürlich ist von all dem auch die RUB betroffen, deshalb unterhielten sich Dr. Josef König und Arne Dessaul mit Rektor Prof. Dr. Dietmar Petzina.
 

RUBENS: Herr Professor Petzina, was halten Sie eigentlich vom Qualitätspakt?
Petzina: Ich denke, daß sich die Beurteilung an zwei Gesichtspunkten zu orientieren hat. Kritisch und prinzipiell negativ ist die Tatsache, daß bei wachsenden Studentenzahlen eine Reduktion von Stellen stattfindet. Das halte ich für das falsche Signal.
Der andere Aspekt dieses Qualitätspakts, der eigentlich ein Rationalisierungspakt ist, liegt darin, daß wir die Chance haben, unsere Strukturen zu überprüfen, und das sollten wir auch tun. Die Überprüfung können wir mit einer erhöhten Planungssicherheit verbinden. Wir beklagen schon länger die Hektik und Zufälligkeit beim Zugriff auf die Ressourcen der Hochschulen. Vor allem die letzten Jahre standen im Zeichen einer unsicheren Planung. Der Qualitätspakt sichert nun zumindest einen Teil der finanziellen Planung; hinzu kommt der Wegfall der Stellensperre, aber dazu später.

RUBENS: Der Pakt beinhaltet den Wegfall von knapp 200 Stellen an der RUB. Haben Sie eine Vorstellung, nach welchen Kriterien die Streichungen erfolgen?
Petzina: Entscheidend ist, daß innerhalb der RUB ein Konsens über Kriterien und die Vorgehensweise gewährleistet ist. Deshalb besitzen die Kriterien, die ich jetzt nenne, keinen verbindlichen Charakter, es handelt sich um meine subjektiven Vorstellungen. Wir werden nicht linear vorgehen und überall gleich viel kürzen, vor allem aus Rücksicht auf kleine Fächer, die sich bereits jetzt an der Mindestgrenze der notwendigen kritischen Masse bewegen. Einige Fächer werden mehr, andere weniger betroffen sein. Wir werden auch darauf achten müssen, daß wir positive, zukunftsorientierte Entwicklungen berücksichtigen. Indikatoren dafür können Forschungsleistungen sein, etwa die Einwerbung von Drittmitteln, kurzum: die Zukunftsfähigkeit eines Fachs. Wir werden - auch mit Hilfe Außenstehender - die Frage zu beantworten haben, weshalb sich in einigen Fächern mehr bewegt als in anderen. Ein weiterer Punkt betrifft die Fächervielfalt an unserer Uni, die möglichst erhalten werden soll. Dabei kommt es u. a. darauf an, daß sich Fächer miteinander verknüpfen, dort wo es sinnvoll ist. Dann werden auch kleinere Fächer weiterhin ihren unentbehrlichen Beitrag in Lehre und Forschung leisten, zum Teil in Kombination mit anderen Fächern. Ein weiteres Kriterium bezieht sich auf die bisherige Ausstattung. Dort, wo nur ein Mindestmaß existiert, kann selbstverständlich nicht mehr weiter reduziert werden.

RUBENS: Sie erwähnten den Wegfall der Stellensperre. Könnten Sie das genauer erklären?
Petzina: Bislang mußten wir pro Jahr 60 bis 70 Stellensperren in Kauf nehmen, Stellen also, die erst nach einem Jahr neu besetzt werden konnten. Ab 2000 entfällt - im Falle der Teilnahme am Qualitätspakt - diese Sperre. Eine große Erleichterung für uns.

RUBENS: Im Falle der Teilnahme? Gibt es eine Alternative?
Petzina: Formal ja, inhaltlich bin ich allerdings der Meinung, daß wir keine realistische Alternative besitzen. Ich denke, daß auch die Diskussion am 29. April im Senat dies verdeutlichen wird. Nun zur theoretischen Alternative, die die Rektoren am 14 April mit Ministerin Behler diskutiert haben. Nicht teilnehmende Hochschulen haben demnach weiterhin mit sogenannten Bewirtschaftungsmaßnahmen, sprich Kürzungen zu rechnen, mit einer Absetzung von jährlich zwei Prozent der Stellen in allen noch nicht überprüften Organisationsbereichen (an der RUB wären das, abgesehen von der Verwaltung, alle Bereiche); weiterhin würde man auch nicht vom sogenannten Innovationsfonds - im nächsten Jahr insgesamt 40 Mio. DM - profitieren und hätte weiter unter der Stellensperre zu leiden. Inhaltlich hat man also nur eine Scheinalternative.

RUBENS: Nochmals zum Verfahren bei den Stellenkürzungen. Anhand welcher Diskussionsprozesse innerhalb der Uni sollen sie zustande kommen?
Petzina: Diese Frage halte ich für sehr wichtig. Für mich ist Akzeptanz im Verfahren innerhalb der Uni eine zwingende Voraussetzung. Das Rektorat läßt durch eine Kommission, zu der Mitglieder aller Gruppen der Uni zählen, Vorschläge entwickeln. Diese werden anschließend in den zuständigen Gremien, insbesondere in der Universitätsstrukturkommission und im Senat, beraten, ergänzt und verändert. Der Senat als letztentscheidende Instanz wird noch vor Ende des Sommersemesters über die Kriterien beraten.

RUBENS: Welche Gegenleistungen erwarten Sie vom Land?
Petzina: Zunächst: Die Ruhr-Uni wird ihre Einwilligung zum Pakt nicht durch Schweigen geben, was theoretisch möglich wäre. Statt dessen wird die RUB nach meiner Vorstellung ihre Zustimmung an klare Voraussetzungen binden. Im Falle der Billigung des Senats werden wir dem Ministerium vier Bedingungen nennen:
Erstens: Eine glaubwürdige Zusicherung, daß alle Zusagen der Landesregierung für den Zeitraum bis 2005 verläßlich gültig sind. Deshalb brauchen wir hierzu eine schriftliche Vereinbarung. Ministerin Behler hat bereits ihre Bereitschaft zu einem derartigen Verfahren signalisiert.
Zweitens: Die RUB geht davon aus, daß alle Stellenkategorien in die Überprüfung einbezogen werden können, also auch Stellen in der Verwaltung. Diese Bedingung ist aus Gründen der Akzeptanz nach Innen bedeutsam, damit nicht im Wissenschaftsbereich der falsche Eindruck entsteht, die Verwaltung wäre von solchen Überlegungen vollkommen ausgeschlossen. Freilich füge ich hinzu: Die Verwaltung ist bereits vor kurzem überprüft worden, so daß hier materiell kaum ein Spielraum existiert.
Drittens: Die Mittel des versprochenen Innovationsfonds müssen über das Jahr 2000 hinaus quantifiziert werden, zudem sollten die Mittel in den jeweiligen Universitätshaushalten ausgebracht werden, um sicher planen zu können. Nächstes Jahr sollen wir hieraus 3,7 Mio. DM für Investitionszwecke erhalten.
Viertens: Die RUB besteht darauf, vor den Empfehlungen des Expertenrates, der landesweit die Hochschulen überprüft, Stellung beziehen zu können. Außerdem werden wir auf Transparenz bei der Arbeit dieses Gremiums drängen.

RUBENS: Sehen Sie die Gefahr, daß die RUB mittelfristig keine Volluni mehr sein wird?
Petzina: Unser Ziel ist es, auch in Zukunft die einzige ausdifferenzierte Volluni im Ruhrgebiet zu sein, das ist zentral für unsere Identität. Das heißt aber nicht, daß wir eine Bestandsgarantie für alle 100 Studiengänge geben können. Im Zweifelsfall ist es besser, sich von einigen Studiengängen zu trennen, als überall die Studienbedingungen zu verschlechtern. Das tangiert noch nicht das Prinzip der Volluniversität.

RUBENS:Sie sind als Rektor mit dem Ziel angetreten, eine größere Kooperation im Ruhrgebiet anzustreben. Wie stellen Sie sich angesichts des Qualitätspakts die Zusammenarbeit mit den anderen Hochschulen im Revier vor?
Petzina: Kurzfristig sind die Absprachen der Revierunis untereinander durch den Qualitätspakt erschwert worden. Das wird sich im Herbst, nach den ersten Empfehlungen des Expertenrates und unserer eigenen Strukturanalysen, die ja primär eine Analyse unserer Stärken und Schwächen beinhaltet, wieder ändern. Dann werden wir sicherlich mit den benachbarten Hochschulen ins Gespräch kommen, etwa mit Dortmund oder Essen. Wir wollen aber auch den Blick etwas weiter richten. Ich kann mir gut vorstellen, daß wir uns für einzelne Bereiche auch mit Münster abgleichen. Die Uni Münster ist mit der RUB gut vergleichbar, von der Größe her und von der Fächervielfalt.

RUBENS: Wir haben bislang nur von Stellenabbau gesprochen, wir bekommen aber auch etwas, für das Jahr 2000 3,7 Mio. DM. Was machen wir damit?
Petzina: Dafür haben wir klare Vorgaben, es sind Mittel, die für investive Ausgaben und für Sachausgaben vorgesehen sind, und da haben wir überhaupt keine Probleme, das Geld zu verwenden, wir könnten locker das Vielfache ausgeben. Ich will hier nicht möglichen Beschlüssen des Rektorats vorgreifen, verweise gleichwohl auf unsere Defizite bei kleineren Bauvorhaben, auf die Lücken in der Vernetzung oder die Engpässe bei der Geräteausstattung in den Ingenieur- oder Naturwissenschaften.

RUBENS: Noch eine Frage, die indirekt mit dem Qualitätspakt zu tun. Kürzlich ist ja ein erneutes Uni-Ranking im Spiegel erschienen, bei dem die RUB und andere NRW-Unis denkbar schlecht abschneiden. Besteht nicht angesichts der weiteren Kürzungen die Gefahr, daß NRW noch weiter ins Hintertreffen gerät und die Hochschulen hier an Attraktivität verlieren?
Petzina: Die Gefahr besteht in der Tat. Für mich ist vor allem das Urteil der Studierenden über die RUB eine große Herausforderung, die nicht nur durch zusätzliche Mittel und Personal zu bewältigen ist. Wir werden in nächster Zeit präzise, qualifiziert und selbstkritisch darüber diskutieren, weshalb wir in der Wahrnehmung unserer Studierenden so kritisch gesehen werden, vor allem in der Lehre, wo uns die Studierenden in einer Reihe von Fächern eine unübersichtliche Lehrorganisation oder fehlendes Engagement vorwerfen. Ziel muß es sein, vor Ort, in den Fakultäten, eine Korrektur der Schwachstellen vorzunehmen. Dazu benötigen wir auch die Hilfe unserer Studierenden.

RUBENS: Herr Professor Petzina, wir bedanken uns für dieses ausführliche Gespräch.

Fakten
Für die RUB sieht der "Qualitätspakt" zur Zeit (Mitte April '99) folgende Veränderungen vor: Bis zum 31.12.09 müssen 194 (von 3.099) Stellen eingespart werden, davon die ersten 78 bis zum 31.12.03.
Im Gegenzug erhält die RUB für das Haushaltsjahr 2000 Mittel in Höhe von 3,7 Mio. DM aus dem sog. Innovationsfonds, für die folgenden Jahre (bis 2010) stehen die Mittel noch nicht fest.
Eine weitere wichtige Neuerung ist der Wegfall sowohl der Stellensperre als auch der Bewirtschaftung seitens der Landesregierung (Details dazu im Interview).
Ein sog. Expertenrat (dem der ehemalige Bochumer Juraprofessor und HRK-Präsident Hans-Uwe Erichsen vorsitzt) soll gemeinsam mit den Hochschulen die Neujustierung der NRW-Hochschullandschaft erörtern und dem Land Vorschläge für Optimierungen und Kooperationen benachbarter Standorte machen. ad

 
zurückblättern zur Themenübersicht weiterblättern

30.04.1999