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Warum wird ein Wiwi zum Büchernarr und steht nicht mit dem Handy an der
Frankfurter Börse? Darauf kontert Sinan Öztürk weise, daß der belgische
Wirtschaftswissenschaftler Ernest Mandel zuletzt auch Krimis schrieb.
Nun, der ehrenamtliche Bibliothekar der “Internationalen Bibliothek”,
die sich linker Hand des Kulturcafés im Studierendenhaus befindet, ist
noch nicht so weit. Kurz vor Abschluß seines Studiums stehend, war Sinan
schon immer ein Fan Heinrich Heines und übersetzte dessen “Deutschland,
Ein Wintermärchen” ins Türkische.
Ende ‘98 wurde Sinan zum Leiter der “Internationalen Bibliothek” von der
Dachorganisation “Ausländische Studierenden- und Akademiker/innenföderation
(ASAF)“ gewählt, der sechs Studierendenorganisationen (griechisch, kurdisch,
türkisch, afghanisch, palästinensisch, afrikanisch) angehören. Mit dabei
ist er schon seit fünf Jahren, als er mit seinem “Verein der Studierenden
aus der Türkei” (BTÖD) das Bibliotheksprojekt ins Leben rief, “denn wir
wollten internationale Bücher bekannt machen, die man in Deutschland nicht
beziehen kann”, so der Gründer.
Obwohl noch ohne Raum, bestellte man munter drauf los und transportierte
in schweren Koffern die Pakete aus den Heimatländern nach Deutschland.
Der AStA und das damalige Ausländer/innenreferat griffen finanziell unter
die Arme. Der Rest bestand aus viel Idealismus und Eigeninitiative und
wurde zusammengetragen durch Kulturveranstaltungen wie Lesungen oder die
“Türkischen Filmtage” (RUBENS
26).
Weiße Taube neben Kafka
Mit dem Umbau des “Ausländer/innenzentrums” zum “Kulturcafé” nahte den
internationalen Bücherwürmern ein günstiger Augenblick, denn dadurch ergab
sich ein Raum, den die Leseratten in ein “masmavi”, ein irisierendes Blau,
tünchten, das zum Eintauchen verleitet wie zum Sprung ins Ägäische Meer.
An der Fensterfront heben sich weiße Tauben neben Kafkas Faksimile des
“Prozeß” in die Lüfte und signalisieren eine feingeistige und friedfertige
Atmosphäre. Nach den letzten Wahlen kam es kurzfristig zu Spannungen mit
den neuen Ausländerreferent/innen, die in Unkenntnis der Besitzverhältnisse
den gesamten Bestand vereinnahmen wollten.
Aber Öztürk widersetzte sich, indem er sich auf sein ASAF-Mandat berief.
Brett um Brett reihen sich an den Wänden mittlerweile über 1.500 Publikationen
– die türkische Biographie über den ermordeten Journalisten Metin Göktepe
(“Gazeteciyim”), die deutsche Studie des kurdischen Psychologen Ihan Kizilhan
über die Religionsgemeinschaft der “Yeziden” oder Bildbände über afrikanisches
Brauchtum – je nachdem in sieben unterschiedlichen Sprachen, ein geordnetes
Babylon an der RUB.
Um da mal hineinzugreifen, muß man mit einer Jahresgebühr von 10 DM Mitglied
der “Internationalen Bibliothek” werden. Zwei Bücher können gegen eine
Kaution von je 10 DM ausgeliehen, Zeitschriften kopiert werden. An Sachspenden
oder am Dublettenaustausch ist die Sammlung stets interessiert. Autorenlesungen,
eine Geburtstagsparty sowie die Einrichtung einer kuscheligen Leseecke
vor dem Raum stehen 1999 noch an.
Zwei Lesetips des regen Bibliothekars Öztürk: Jean-Paul Sartres “Die Wörter”
und Aysel Özakins Frauenroman “Die blaue Maske” – gibt’s auch auf deutsch.
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Internationale Bibliothek, Öffnungszeiten: Mi-Fr 13-16 h.
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