Die Vorleser
   
  Vor 10 Jahren: Studieren bei den Wiwis

 

Meine Karriere als ordentlich eingeschriebener Student der Ruhr-Uni begann genau vor zehn Jahren an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, im schönen Gebäude GC, direkt am Nürburgring der RUB, häufig auch „Weststraße“ genannt. Es war Frühling, so und so, und in den Dingen des Studiums waren meine Mitstreiter/innen und ich unerfahren: Campus, Mensa, GC, HGC, HZO, P1-4, Cafete, Prof., AOR, Kolloquium, Propädeutika, Schein, BWT-Übung für „Anfänger“, Fachschaft usw. Viele, viele Fragen, und die häufigste Antwort hieß: „Muß wohl so sein.“
Nur eine Sache kam es uns doch sehr, sehr seltsam vor: wie wörtlich der Begriff „Vorlesung“ doch von einigen Dozenten genommen wurde! „L“ beispielsweise saß vorn im Hörsaal HGC 10 und gestaltete unseren sehr frühen Donnerstagmorgen damit, aus seinem eigenen Lehrbuch „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre“ oder so ähnlich vorzulesen. Saß einfach da und fuhr mit dem Zeigefinger Zeile für Zeile ab und las laut. Niemand fand das sonderlich spannend, so sagten wir: „Ohne uns, lesen können wir auch im Bett.“

Leer genuschelter Hörsaal

Schwieriger gestaltete sich das Finden von Alternativen für die Statistikvorlesung am Mittwochnachmittag, die zeitlich irgendwo zwischen „Öffentlichem Recht“ und „Kostenrechnung“ lag. Das Bett war längst verlassen, und angesichts der (interessanten) Kostenrechnung bot sich die Heimfahrt noch nicht an. So blieb uns nur die Cafete, während „A“ temperamentlos den Hörsaal HZO 20 leer nuschelte: „Säusel, Nuschel, Lebendgeborene, Nuschel, Säusel, Grafik, Räusper, Säusel, BRD“ - abgesehen von den Nebengeräuschen stammte - natürlich - jedes Wort aus dem von „A“ höchstselbst verfaßten Lehrbuch, dessen Titel mir leider entfallen ist.
Wir fragten uns, ob diese Art der Vorlesung eventuell Bestandteil des großen Plans war, das Wirtschaftsstudium in Bochum künstlich zu erschweren, damit ja die Noten in Zwischenprüfung und Diplom schlecht ausfielen - immerhin hatte die Fakultät den Ruf zu verteidigen, besonders schwer (darum auch irgendwie „gut“) zu sein.
Auch andere Dozenten hatten ihre Macken. Der von den Mathematikern entliehene „R“ sollte uns Integrale, Differentiale und die Matrix näherbringen. Wahrscheinlich aber hielt er uns Nichtmathematiker für grundsätzlich zu blöd. Er versuchte erst gar nicht, irgend etwas zu erklären. Statt dessen schmierte er am Montag- und am Dienstagmorgen jeweils 90 Minuten lang die Tafel mit Beweisen voll, die nun wirklich kein Mensch verstand. Andererseits war „R“ kein Unmensch: Kurz vor den obligatorischen Klausuren veranstaltete er an zwei Samstagen Repetitorien, in denen er den Stoff wiederholte und endlich auch Beispiele an die Tafel kritzelte. Zweimal vier Stunden lang stenografierten wir jede Zahl und jeden Buchstaben mit, da wir von den älteren Studenten wußten, daß sich exakt diese Beispiele in den Klausuren wiederfinden würden - jetzt mußten wir nur noch auswendig lernen.

MarKEting - ha, ha, ha!

Einige entdeckten damals trotz alledem eine gewisse Qualität in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre. „S“, ein Steuerexperte mit einer repräsentativen Zahl an Ehrendoktortiteln zwischen „Prof.“ und Namen, wußte allein aufgrund seiner Befähigung zum Alleinunterhalter zu überzeugen. Seine despektierlichen Äußerungen zum Marketing und zu seinen Kollegen, die dieses Fach unterrichteten, sorgten im Auditorium für viel Gelächter, vor allem wenn „S“ das Wort „Marketing“ auf seine unnachahmliche Weise auszusprechen pflegte: mit Betonung auf der zweiten Silbe - ha ha ha!
Jeder studiert das, was er verdient hat, dachte ich mir, wechselte nach nur einem Semester das Studienfach - und kam dabei immerhin von der Traufe in den Regen.
Heutzutage ist bei den Wiwis natürlich alles anders, besser, so gesehen. Wer es genau wissen möchte, kann gerne ein Ohr ins HZO oder ins HGC werfen. Ersatzweise kann auch eine Vorlesung bei den Maschinenbauern gehört werden. Dorthin, so erfährt man von Betroffenen, wanderte offenbar der Pokal fürs beste Vorlesen an der RUB. Man greift, so wird erzählt, nicht bloß zum eigenen Buche, sondern auch zum Skript des Vorgängers und versucht, sich mit dessen verschriftlichten Witzen beliebt zu machen. Arne Dessaul

   
   

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01.04.1999