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Potsdamer Platz. Es hat aufgehört zu schneien. Die Baustelle
liegt schon fast im Dunkel. Arthur Daane, Niederländer in Berlin, betrachtet
die Stadt durch das Objektiv seiner Kamera. Es ist der “unaussprechliche
Reiz von Licht im Dunkel”, der ihn interessiert und den er in seinem filmischen
Tagebuch dokumentiert. Und so sind es auch nicht die großen Ereignisse,
die die Handlung in Cees Nootebooms Roman “Allerseelen” tragen. Arthurs
Sichtweise der ehemals geteilten Stadt vermischt sich mit seiner Vergangenheit,
philosophischen Gesprächen mit Freunden und Fragmenten auf seinem Anrufbeantworter.
Seit dem tödlichen Unfall seiner Frau und seines Sohnes plätschert sein
Leben ohne Höhen und Tiefen vor sich hin. Seinen Beruf als Dokumentarfilmer
aus Krisengebieten übt Arthur mit einer beängstigenden Teilnahmslosigkeit
aus. Erst das Auftauchen der Geschichtsstudentin Elik gibt seinem Leben
einen neuen Rhythmus: von ihrem Kratzen an der Tür bis zum Abschied, der
eigentlich keiner ist. Es beginnt ein eigentümliches Spiel zwischen Nähe
und Distanz. Nur bedingt gewährt Nooteboom Einsichten in seine Akteure.
Von der Nahaufnahme wechselt er unvermittelt in die Totale, so daß selbst
sein Protagonist immer nur Objekt bleibt. Seine Geschichte fordert den Leser
heraus, Verbindungen herzustellen und eigene Interpretationen zu entwickeln.
Martina Biederbeck
Cees Nooeteboom: Allerseelen, Suhrkamp, Ffm 1999, 440 S., 48 DM |