Windsbräute
   
  Klimaforschung auf dem Mt. Washington

 

Nasses Aprilwetter hat man in Deutschland zur genüge – aber es ist nicht das schlechteste Wetter der Welt. Das findet sich eher im Nordosten der USA in New Hampshire, 1.917 m hoch auf dem Mt. Washington. Fast täglich regnet und schneit es, graue Schwaden tauchen die Bergspitze in einen feuchten Nebelsee, es ist bitterkalt, eisige Windböen toben übers Plateau. Das macht den Berg für manche besonders attraktiv, deshalb zieht es Dr. Andreas Pflitsch von der AG Klimaforschung (Geographisches Institut der RUB) mit seiner Crew immer wieder dorthin. Hier in luftiger Höhe wurde am 12. April 1934 der absolute Windgeschwindigkeitsrekord von 372 km/h gemessen. Davon konnte Pflitsch bislang nur träumen. Er selbst erlebte auf dem Meßturm des Mt. Washington die Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h. “Das war, als stünde man auf einem über die Autobahn dahinrasenden Auto und wäre kurz vor dem Abheben”, erzählt er in Erinnerung noch atemlos. “Ist der Wind nicht zu stark, kann man sogar hineinspringen und schwebt dann für kurze Zeit mit ihm dahin. Das ist seine schöne Seite”, schwärmt er. Aber es gibt auch eine andere.
Dick eingepackt, im Zwiebellook – Hemd, T-Shirt, windabweisende Hose, Daunenjacke, eins über das andere, damit viele kleine Luftpolster ordentlich warm halten – müssen die Forscher/innen Minustemperaturen bis zu 40 °C trotzen; schneit es, so preßt der Wind die vielen Flöckchen wie unzählige Nadeln ins Gesicht. Man kann sein Gewicht kaum halten und schlittert wie trunken über den Schnee. Einmal wurde es bei einer plötzlichen Windböe von 202 km/h sogar gefährlich für die studentische Forschungscrew. “Wir hatten Angst, das möchte ich nicht noch einmal erleben; normalerweise muß man sich bei dieser Stärke anbinden. Aber trotz des Schreckens waren die Studierenden äußerst motiviert”, so Klimaexperte Pflitsch.

Mongolisches Fürstenkastell

Aber genau diese Kombination von Nebeltröpfchen, Kälte und Wind schuf eine bizarre Landschaft, in die das Forschungsobservatorium wie ein altes mongolisches Fürstenkastell in die Eiswüste eingefroren wurde. Die hohe Windgeschwindigkeit trug die Tropfen durch die Lüfte gleich Speerspitzen, die in eine Richtung hin gegen die Gebäude prallten und noch mitten im Stich anfroren. Abends, wenn nach dem einsamen Arbeitstag das Essen ruft, dann wirft jemand aus der Forschergemeinschaft zuweilen ein paar gebrochene Eisnadeln in den Whisky, “weil dies so schön wegen der sich auflösenden Luftblasen knistert”, schwärmt Pflitsch in romantischer Kaminstimmung.
Seit letztem Jahr ist die RUB Mitglied beim “Mount Washington Observatory – Center for Wind, Ice and Fog Research”, das als einziges seiner Art ganzjährig geöffnet ist. Seitdem brausten schon einige – und nicht nur geographische - Windsbräute von Bochum über Boston her kommend mit schwerem Gerät per Flugzeug in das Forschungszentrum, unterstützt von der “Gesellschaft der Freunde der RUB” oder dem “Förderverein des Geographischen Instituts” und dem Bochumer Sportausrüster “In & Out”. Die Unterkunft im Wissenschaftsstempel ist frei. Im Gegenzug müssen die Exkursionsteilnehmer/innen Daten erheben und auswerten, auch mal Kochen oder Putzen. Seit der legendären Windgeschwindigkeitsmessung von ‘34 wurde vom selben Punkt aus, dem jetzigen “stage office”, nicht mehr gemessen. Seit 1980 gibt es etwas weiter weg ein neues Observatorium. Doch dort stürmt es nicht so heftig.

20 Messungen pro Sekunden

Die Forschercrew, unter ihr der Amerikaner Kenneth L. Rancourt, wissenschaftlicher Direktor des Observatoriums, und die Professorin und Ingenieurin an der Universität von Maine, Jill Schoof, fragt sich, ob bei den neuen ungünstigeren Bedingungen der Rekord gehalten und die Messungen noch vergleichbar sind. Zudem soll das aus Deutschland eingeflogene Ultraschallanemometer getestet werden, das extrem kurze Windbewegungen erfassen und bis zu 20 Messungen pro Sekunde durchführen kann. Im Unterschied zum Pietotanemometer der amerikanischen Kollegen kann es sogar horizontale wie vertikale Windrichtungen und Geschwindigkeiten messen wie die Auf- und Abwärtsbewegungen bei Turbulenzen.
Aber auch das Bochumer Modell wird bald wie sein Vorgänger der Gefräßigkeit der Lüfte zum Opfer fallen und dient allein dem Zweck, ein völlig neues Gerät zu entwickeln, das härtesten Wind- und Wetterbedingungen wie später auf den vereisten Flughäfen des amerikanischen Nordens standhält. Doch bis es soweit ist, werden wohl noch einige schwere Geräte per Schneekatze den Buckel des Mt. Washington erklimmen müssen. Für den hartgesottenen Klimaforscher Pflitsch ist der 99er Aufenthalt das dritte Mal, sich den extremen Winterbedingungen aus Liebe zur Forschung auszusetzen.
Die elf Studierenden verschlägt es im Februar dagegen das erste Mal ins einsame Forschungskastell der Winde. Kein “Hiker” erwandert sich jetzt den Berg, kein Tourismus unterbricht die klirrende Stille. Es gibt nur einen warmen Kern im Observatorium mit dem Wohn-, Eß- und Arbeitsbereich. Geschlafen wird Bett über Bett in engen Kammern mit bis zu neunköpfiger Besetzung. Keine Waschmaschine, kaum Wasser, ein kleines Badezimmer erwartet die Crew. Dazu tagaus, tagein der Gesang der Winde – des abends unterstützt von whiskykehligen Stimmen mit dem Rauhreif des Mount Washington. Für die dringend benötigten Sponsoren des Windprojekts eine sicher aufgreifenswerte Vermarktungsszenerie. tas

   
   

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01.04.1999