Migrantendörfer in der Stadt
   
  Sozialer Wandel in China untersucht

 

Seit das Wirtschaftswachstum in den 80er Jahren das stren- ge chinesische Meldesystem aufgeweicht hat, strömen Millionen Bauern legal und illegal in die Großstädte. Sie siedeln sich in Randbereichen in sog. Migrantendörfern an, die z.T. die Größe von Kleinstädten erreichen. Diese Wanderungen lösen sowohl innerhalb der Migrantendörfer als auch im Wechselspiel zwischen Dörfern und Großstädten Probleme aus. Dr. Bettina Gransow (Fakultät für Ostasienwissenschaften der RUB) hat mit Prof. Peter Atteslander (Uni Augsburg) und Prof. Li Hanlin (Uni Peking) das Projekt “Anomische Strukturen sozialen Wandels in der VR China. Migranten und Migrantensiedlungen in chinesischen Großstädten” gestartet, um das Phänomen unter theoretischen, empirischen und entwicklungspolitischen Aspekten zu untersuchen. Das Projekt läuft bis 2000 und wird von der DFG und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert.
Als Anomie bezeichnen Sozialforscher eine Phase rapiden sozialen Wandels, der zur Auflösung von sozialen und kulturellen Normen führt. Die Macher der Planwirtschaft hatten in den 50er Jahren jedem Chinesen durch eine Wohnberechtigung seinen Platz zugewiesen: Die Bauern erhielten ein Stück Land, die Städter einen Arbeitsplatz und Vergünstigungen in Form von Wohnungen, Lebensmittelzuteilungen und Schulzugangsberechtigungen u. ä. Beide Bereiche wurden stets streng voneinander getrennt. Durch die Wirtschaftsreformen in den 80ern und den daraus folgenden Migrationen sind erstmals die Voraussetzungen für einen rapiden Wandel geschaffen worden.

Spannungsfelder

Im Verlauf weniger Jahre sind ca. 100 Mio. Bauern, teilweise ganze Dörfer, in die Städte abgewandert. Das Zhejiangdorf am Rand Pekings ist ein Beispiel für eine homogene Siedlung: Alle Bewohner stammen aus der selben Region, z.T. aus dem selben Dorf. Sie teilen sich eine Kultur und einen Dialekt, der sich vom Pekinger unterscheidet. In Shanghai dagegen wurden die Migranten über das gesamte Stadtrandgebiet verteilt; so entstanden heterogene Gruppen. Der Zulauf hat die Situation in den Städten verschärft. Die Migranten errichteten eigene Schulen und Krankenstationen, da sie an der städtischen Infrastruktur nicht teilhaben konnten. Dies funktionierte besonders gut in homogenen Siedlungen. Andererseits sind immer mehr Stadtbewohner aufgrund der Reform des Staatssektors arbeitslos und konkurrieren mit den Migranten um Arbeit.
Gegenstand der Untersuchung sind die Spannungsfelder innerhalb der Migrantensiedlungen und zwischen Siedlungen und Städten. Es existieren zwei Hypothesen: Homogene Migrantensiedlungen sind in sich weniger anomisch als nach außen, da sie ihre Organisationsformen mitgebracht haben. Heterogene Siedlungen sind nach innen stark anomisch, erlauben aber eine bessere Integration in die Stadt. Das Projekt ist in drei Phasen gegliedert. Nach Auswertung der Literatur zum Thema fährt Dr. Gransow zweimal nach China, um die Situation vor Ort zu untersuchen. Eine Umfrage mit 600 Teilnehmern findet in Peking, Shanghai und Kanton statt. Abschließend werden die Ergebnisse in einem Bericht vorgestellt. Stefanie Neumann

   
   

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01.04.1999