| Die Siedlung am Rande Bochums beginnt hinter einer leuchtenden blauen Schranke. Sie setzt gleichzeitig das erste Signal: Autos sind zwar nicht vollkommen verboten, es wird ihnen allerdings schwer gemacht, aufs Gelände zu gelangen. Fahrradfahrer und Fußgänger hingegen nehmen ihren eigenen, freien Zugang. Hinter dem Eingang führt eine schmale, leicht abschüssige Straße mitten in die Natur. Bäume, Sträucher, Hecken und andere Pflanzen begrüßen die Besucher - vor allem im Sommer. Die langgestreckten, flachen Häuser entdeckt man erst auf den zweiten Blick. | | Diese neun barackenähnlichen Häuser sowie die beiden größeren Gebäude aus rotem Backstein wurden zu Beginn des Jahrhunderts errichtet, um Arbeiter der benachbarten Zeche Lothringen unterzubringen. Die Arbeiter blieben meist nur kurze Zeit. Gleiches gilt für die Gefangenen, die hier während des 2. Weltkriegs lebten. Auch die Lehrlinge der Eschweiler Bergwerk AG, die seinerzeit Zeche Lothringen betrieb, sahen die Häuser in der Gewerkenstraße 12 in Gerthe allenfalls als Übergangsstation an. Kaum war die Lehre beendet, wechselten sie den Wohnort. Im Jahre 1968 kam das Aus für die Zeche. Anschließend mietete die Firma BBC das Gelände, um Gastarbeitern Wohnraum zu bieten. Diese Ära endete 1982, als sich die Eschweiler Bergwerk AG entschloß, das Gelände zu verpachten. |
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| Frösche und Libellen |
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| Wohnungsnot prägte die frühen 80er Jahre, insbesondere preiswerter Wohnraum war rar. Um ihn dennoch zu bekommen, wurden vielerorts Häuser besetzt. Doch gab es auch andere Möglichkeiten. Eine Initiative von Bochumer Studierenden und dem AStA der RUB entdeckte eine Alternative: Sie gründete einen Verein, "Studentisches Wohnen und Leben e. V.", und schloß einen Pachtvertrag mit der Eschweiler Bergwerk AG für das Gelände ab. In den folgenden 18 Monaten schufen die neuen Pächter eine Wohnsiedlung. Die Häuser wurden gründlich renoviert, äußerlich aber nur behutsam verändert. Vor allem wurde die Natur nicht zurückgedrängt. Es wurden weder Bäume gefällt noch Teiche trockengelegt. Auch heute noch läßt man die Frösche quaken und die Libellen fliegen, verbannt lieber die Autos. Die Siedlung erhielt den Namen "Wohnprojekt Gerthe (WPG)". Preisgünstiger Wohnraum für Studierende, Gemeinschaft, Selbstverwaltung und Lebensqualität lauteten die Ziele des "alternativen" Studentenwohnheims. Auf rund 2.500 qm leben im WPG heute 80 Menschen in 17 Wohngruppen. |
| Die flachen und von Pflanzen umrankten Holzhäuser sehen abenteuerlich aus, das (äußerlich) Wilde und Ursprüngliche widersetzt sich dem Sinn für Ordnung. Nicht so die Organisation der Siedlung, denn das Prinzip der Selbstverwaltung erweist sich als mustergültig. Diverse Arbeitsgemeinschaften kümmern sich um Kaufmännisches (Haushalt, Mietbuch, Buchhaltung) und um Handwerkliches (Instandhaltung, Wartung, Reparatur). |
| Der Verein "Studentisches Wohnen und Leben e. V." ist finanziell unabhängig, alle Kredite und Darlehen sind längst abbezahlt - allein aus den Mieteinnahmen, die mit 8,50 DM Warmmiete pro qm sehr günstig ausfallen. Wegen der günstigen Miete, vor allem aber aufgrund der Lebensphilosophie sind die Zimmer heute meist allesamt vergeben. Besonders Alleinerziehende genießen die Vorteile der großen WG. Die Siedlung ist mit ihren Wiesen, Teichen und Bäumen ohnehin eine Oase für Kinder. Und, auch wenn es der erste Eindruck nicht unbedingt vermittelt: Infrastruktur ist an der Grenze zu Castrop mit einem Kindergarten und einer Grundschule durchaus vorhanden, die Kinder wachsen keineswegs isoliert auf. Zudem besteht ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft, wie auch das kürzliche Sommerfest im WPG zeigte. |
| In der Siedlung leben nicht nur Studierende. Abgesehen von den Kindern, die ein Drittel der Bewohner ausmachen, wohnen hier auch Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Selbständige: Filmemacher, Therapeuten, Möbelhändler, Lehrer für Musik, Tanz oder Selbstverteidigung. Ein guter Boden für Existenzgründer also. Zudem ein Ort, den man nicht gerne verläßt. Deliah beispielsweise, die den Futonhandel "Form in Form" von der Gewerkenstraße aus gründete, zog zwischenzeitlich fort, kehrte nach kurzer Zeit jedoch zurück - sie hatte die große Gemeinschaft vermißt. |
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| Agenda 21 |
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| Dennoch bereitet gerade der Boden Probleme. Nach knapp 100 Jahren industrieller Nutzung ist er mit Schadstoffen, z. B. Schwermetallen, belastet. Akute Gefahr besteht nicht, eine Sanierung wäre dennoch angebracht. Sie könnte Stück für Stück vonstatten gehen, niemand müßte sein Heim verlassen. Die neue Eigentümerin des Geländes, die Entwicklungsgesellschaft Ruhr (EGR), setzt jedoch auf eine Alternative: Abriß der Siedlung, Sanierung des Bodens, Neubebauung. |
| Der Pachtvertrag läuft Ende 1999 aus, die Bewohner der Siedlung würden ihn gerne verlängern. Sie können sich ebenfalls vorstellen, ihr Projekt an einem anderen Ort fortzusetzen. Dann allerdings würden sie gleichzeitig eine Erweiterung anstreben. So sollte zusätzlich ein Altenhaus sowie ein Gemeinschaftshaus (mit Gastronomie, Meditation, Andachtsraum einerseits, Büro- und Seminarräume andererseits) entstehen, das einen Ort der Begegnung und zugleich Arbeitsplätze schafft. Absicht des neuen Projektes wäre die Umsetzung der sog. Agenda 21. Die Agenda wurde 1992 auf dem Umweltkongreß in Rio als "Handlungsanleitung für die Erhaltung von nachhaltiger Lebensqualität" beschlossen und umfaßt u. a. die Punkte Ökologie, soziale Gerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, natürlicher Wohnraum. Die angehende Organisationspsychologin Susanne, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts kümmert, braucht nicht darauf hinzuweisen, daß sich diese Vorgaben exakt mit den Zielen des Projekts decken. Statt dessen erinnert sie daran, daß sich auch die Stadt Bochum, die maßgeblich an der EGR beteiligt ist, zur Umsetzung der Agenda 21 bereit erklärt hat. Der Kreis könnte sich schließen. Noch laufen die Verhandlungen mit der EGR. Erste Angebote wurden vorgelegt, die eine Lösung erahnen lassen. |
| Wie die meisten Bewohner würde auch Susanne nur schweren Herzens die Gewerkenstraße verlassen. Ein letzter Blick zurück, wieder jenseits der blauen Schranke, deutet an, warum: Mit dem einsetzenden, leichten Regen wird die Luft noch eine Spur frischer, liegt die Siedlung noch ruhiger, noch friedlicher da. Es ist schwer, sich dieses kleine Paradies irgendwo anders vorzustellen. |
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