| Kein mit wissenschaftlichem Anspruch auftretendes historisches Sachbuch hatte in den letzten Jahren einen ähnlichen Erfolg wie Daniel J. Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker". Die spektakuläre Grundthese vom "spezifisch deutschen eliminatorischen Antisemitismus" wurde zum Teil als die Erklärung schlechthin für den Völkermord an den Juden angesehen. Andererseits wurde sie von Historikern entschieden zurückgewiesen. Zur zweiten Gruppe gehören Norman G. Finkelstein (Politikwissenschaftler an der New York University) und die kanadische Historikerin Ruth Bettina Birn. Beide äußerten sich bald nach Erscheinen von Goldhagens Buch in englischsprachigen Fachzeitschriften. Seit kurzem liegen beide Aufsätze in deutscher Übersetzung und in Buchform vor. "Eine Nation auf dem Prüfstand" wird ergänzt durch ein Vorwort des Bochumer Historikers Prof. Hans Mommsen. | | Die Abgrenzung im Untertitel des Buches, "Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit", macht es deutlich: Hier Goldhagen, dem u. a. "unsauberes historisches Arbeiten", "unkritische und manipulative Quellenauswertung" oder "eine Fülle sachlicher Irrtümer" vorgehalten werden, dort Finkelstein und Birn, die selbstverständlich alles richtig machen. So berücksichtigt Finkelstein im Gegensatz zu Goldhagen die Ergebnisse der jüngsten Holocaust-Forschung, so entdeckt Birn in denselben Archiven, die auch Goldhagen benutzte, etwas ganz anderes. Fazit: Goldhagens Buch ist wissenschaftlich unhaltbar, der "normale Deutsche" war und ist also doch keine Bestie - Prüfung bestanden! |
| Da atmet man automatisch auf. Und doch bleibt nach Lektüre der Aufsätze ein beklemmendes Gefühl zurück. Weniger ob des Zieles, denn ob des Weges. Alles, was Finkelstein und Birn machen, ist zwar "sauber", "kritisch" und "frei von Irrtümern", aber keineswegs elegant. Finkelstein beispielsweise deckt schwerverdauliche Parallelen auf. Er vergleicht die Taten der Nazis mit denen der Südstaatler, mit denen amerikanischer und englischer Soldaten, mit denen der Russen. Mit anderen Worten: Er zählt Erbsen, er zählt besser als Goldhagen. Für Birn, die exakt dieselben Archive entstaubte wie Goldhagen, gilt ähnliches: nachgezählt und überprüft, etwas anderes herausgefunden, etwas mit größerem Wahrheitsgehalt. |
| Erfreulich ist, daß Mommsens Vorwort die Ambivalenz des Weges andeutet. In diesem Punkt schont er seine Kollegen nicht, wie er auch Goldhagen nicht schont. Aber eines kann selbst Mommsen nicht leisten: daß dem Buch eine vergleichbare Aufmerksamkeit zuteil wird wie Goldhagens Bestseller. |
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| Norman G. Finkelstein, Ruth Bettina Birn: "Eine Nation auf dem Prüfstand". Claassen Verlag, Hildesheim 1998; 186 S., geb., 32 DM. |
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