| Seit der Stalinzeit war die Germanistik in Rußland von Parteigeist beseelt. Undenkbar war eine kritische Literaturwissenschaft - Theorienvielfalt vertrug sich nicht mit ideologischem Einheitsbrei. Als sich zu Beginn der 90er Jahre das Blatt wendete, ermöglichte der Staat zwar eine engagierte Germanistik, aber dafür fehlte nun das Personal. Diese Lücke zu schließen, hilft seit rund einem Jahr das von der Volkswagen-Stiftung geförderte Projekt "Aufbau eines literaturwissenschaftlichen und landeskundlichen Zusatzstudiums für Studierende der Germanistik an der Pädagogischen Universität Kasan". Initiiert wurde es von PD Dr. Werner Jung (Germanistisches Institut der RUB) und Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf (jetzt Uni Münster) sowie Dr. Larissa Volkova (Lehrstuhl für Deutsch an der Uni Kasan). Dr. Jung war inzwischen mehrfach in Kasan und konnte dort zahlreiche Eindrücke sammeln, die wir hier gerne wiedergeben möchten: | | "Ab nach Sibirien", hieß damals der Reisebericht eines glühenden Kommunisten und bekennenden Verfechters eines Realsozialismus vom Schlage der SU, des Schriftstellers Peter Schütt, eines heute mit weniger rühmlichen, nämlich genau so schlechten Texten hausierenden Autors und Wendehalses schlimmster Sorte. Dennoch, die Bezeichnung ist treffend. Auch ich kam mir bei meiner ersten Reise ein wenig wie in eine Art Verbannung geschickt vor. Eben ab nach Kasan. |
| Kaum beschwerlich ist die Reise in diesem Jahr. Es gibt einen vierstündigen Direktflug von Frankfurt nach Kasan mit der Lufthansa - zu einem unverschämten Preis. Für ein Drittel könnte man mit Turkish Airlines reisen, müßte allerdings eine Nacht in Istanbul in Kauf nehmen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, die ich im letzten Jahr gewählt habe: ein Flug von Düsseldorf nach Moskau, von dort mit dem Nachtzug weiter, der 13 Stunden für 800 Kilometer benötigt. Danach jedoch ist man reichlich erschöpft, durchgeschüttelt und enerviert vom endlosen Warten an den unmöglichsten Bahnhöfen. |
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| Eine Art Zusatzstudium |
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| Jetzt steige ich erholt aus. Eine kühle Brise schlägt mir entgegen. Ungewöhnlich flott passieren die Ankömmlinge den Zoll, schnell entdecke ich das Empfangskomitee: Dr. Larissa Volkova, die Lehrstuhlleiterin, eine Kollegin und ein Student. Behaupten jedenfalls die Kolleginnen: ein gestandener Mann Ende vierzig mit eigenem Wagen, der mich schon im letzten Jahr gefahren hat. |
| Vor zwei Jahren ist die Idee entstanden, in Kasan, einer für russische Verhältnisse großen Uni mit Tradition in der Lehrerausbildung, eine Art Zusatzstudium im Fach Deutsch einzurichten, wo die Studierenden in zwei Jahren und zwei zusätzlichen Sommerkursen, die ich leite, mit neueren Entwicklungen in der deutschen Literatur und Kultur überhaupt, schließlich auch mit neueren Methoden der Literaturinterpretation samt -vermittlung vertraut gemacht werden sollen. Die Glocken einmal weniger hoch gehängt, bedeutet das nach meinen letztjährigen Erfahrungen: Für die Studierenden des Faches Deutsch, das sich immer noch großer Beliebtheit erfreut, geht es zunächst darum, einen deutschen Hochschullehrer kennenzulernen. |
| In diesem Sommerkurs möchte ich mit den Studierenden - allesamt Studentinnen, weil der angestrebte Lehrerberuf wenig attraktiv, beschwerlich und miserabel (wenn überhaupt) bezahlt ist - in knapp einer Woche mit täglich vier Stunden die Jugendentwicklung in der Bundesrepublik anhand von literarischen Texten, Dokumentationen und Filmen besprechen, um in der zweiten Woche anhand eines Klassikers, Kafkas "Vor dem Gesetz", die Vielfalt von Interpretationen zu diskutieren. |
| Aber soll man das? Kann ich das angesichts der Situation im Land? Gibt es nicht Dringlicheres zu besprechen? Im Auto gehen die Gespräche gleich los: der rapide Kursverfall, die bei Lehrern seit Mai nicht mehr gezahlten Gehälter, bei Hochschullehrern Lohnkürzungen bei gleichzeitigen Stundenerhöhungen, die steigenden Preise. Manche Geschäfte müssen vorübergehend schließen, um mit der Preisauszeichnung nachzukommen. Eine junge Kollegin erzählt mir: Ihre Familie besitze keine Datscha, weshalb ihr Vater, ein Arzt, nachdem er gehört habe, daß es da und dort Kartoffeln geben solle, sich nachts um drei in eine Schlange eingereiht und bis sechs dort ausgeharrt habe, um zu erfahren, daß es heute doch keine Kartoffeln mehr gibt. Aber morgen, bestimmt. |
| Hamsterkäufe, hinterher leere Regale, kein Salz, kein Reis, aber jede Menge Wodka. Der Kaffeepreis vervierfacht sich, an den Kauf eines Bügeleisens, das eine junge Kollegin dringend benötigt, ist nicht zu denken. Wer Dollars oder DM besitzt, kann sich kurzfristig eine goldene Nase verdienen. Vor den Banken und Wechselstuben, die noch nicht in der Finanzkrise mit abgestürzt sind, warten finsterste Gestalten in großen Wagen. Klischees, Kolportage? Sicher, aber von unabweisbarer Realität. Selbst das Urinieren wird täglich teurer; nach drei Tagen bezahlt man für eine Flache Bier ebensoviel wie für deren Entsorgung auf dem Pissoir. |
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| Ungeheure Wißbegierde |
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| Erstes Treffen mit den 14 Kolleginnen des Lehrstuhls und den Studentinnen. Nein, der Beruf sei oft noch das einzige, was man neben der Familie habe, und so mache man eben weiter, stoisch und inspiriert von einem unablässigen, bewundernswerten Ethos des Lehrens. Auf Seiten der Studentinnen dieselbe Haltung, ein Lernen um des Selbstzwecks willen, denn Perspektiven zeichnen sich kaum ab. Dennoch ist eine ungeheure Wißbegierde zu spüren, saugen die jungen Mädchen alle Informationen auf, die sie bekommen können, bewältigen ein Lernpensum unter mißlichsten Bedingungen. Es existieren nur wenige Bücher in der Bibliothek, die Handbibliothek des Lehrstuhls ist in drei Schränken untergebracht, Klassenräume gibt es nur wenige, Bretterverschläge sind als Notunterkünfte eingerichtet. Ich treffe mich mit meiner Gruppe oft "im Lehrstuhl", einem knapp 20 Quadratmeter großen Raum, der als Unterrichtsraum sowie als Lehrerzimmer dient und noch zwei Halbtagssekretärinnen beherbergt. Dauernd läutet das Telefon, platzt jemand herein. Nur wenige Minuten Ruhe, während wir uns einen Video über 1968 anschauen. Ein Mädchen schreit plötzlich auf, nicht wegen des Attentats auf Dutschke, sondern weil sich eine Maus im Raum verirrt hat. |
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| Hauch von urbanem Glanz |
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| Kasan liegt an der Wolga, dort, wo die Kasanka in die Wolga mündet. Bereits 1177 urkundlich erwähnt, war die Stadt im 13. und 14. Jahrhundert Zentrum der Wolgabulgaren. Seit ihrer Eingliederung in den russischen Staat im 16. Jahrhundert wuchs die Stadt beständig, erhielt einen Kreml und wurde 1708 Hauptstadt eines Gouvernements. Durch den Handel mit Sibirien blühte das städtische Bürgertum auf. 1804 wurde eine der ersten russischen Unis in Kasan gegründet. Kasan hat Puschkin, Tolstoi, Gorki, Schaljapin und Lenin, der hier 114 Tage studierte, und an den ein schönes, kaum besuchtes Museum erinnert, angezogen. |
| Kasan ist unübersehbar eine tatarische Stadt, woran nicht nur 13 Moscheen erinnern, sondern auch die Zweisprachigkeit im öffentlichen Leben, ein tatarisches Theater und eigene Museen. In Kasan ist Gabdulla Tukai (1887-1913) als junger Mensch an Schwindsucht gestorben, ein Dichter und Publizist, der insbesondere mit seiner Lyrik und einem romantischen Märchen (Schuraljew) maßgeblich zur Schaffung der modernen tatarischen Literatursprache beigetragen hat. |
| Heute hat Kasan, die Hauptstadt der souveränen Republik Tatarstan, rund eine Mio. Einwohner, von denen 60 % Tataren und 40 % Russen sind. Eine prachtvoll hergerichtete Fußgängerzone, eilig zum ersten Welttatarenkongreß vor zwei Jahren fertiggestellt, in den letzten Wochen und Monaten, der Krise zum Trotz, mit dem nötigen Feinschliff versehen, läßt einen Hauch von urbanem Glanz aufkommen. Hier flanieren junge Leute, sitzen auf Plastikstühlen und trinken Bier zu tatarischer Folklore und ohrenbetäubendem Techno. Ein findiger Italiener hat soeben seinen zweiten Laden aufgemacht. Man sollte allerdings nicht hineingehen: Neue Russen verprassen hier Unsummen Rubel für schlechtes Essen, amerikanisches Bier und russischen Instant. Dennoch pulsiert das Leben, werden die Veränderungen deutlich, der Fortschritt samt aller Verwerfungen, Widersprüche und Gegensätze. Yuppies und die wachsende Armut auf den Höfen und in den Hauseingängen, Bettler und Seelenverkäufer und ganz gewöhnliche Russen prägen das Gesicht der Straße - und liefern ein Gesamtbild der russischen Situation. |
| Was mich dennoch erstaunt, ja fasziniert, das ist der Optimismus vieler Menschen, die, seit Jahren schon von einer Krise in eine andere Turbulenz getrieben, eben nicht resignieren, sondern fröhlich bestehen. Aber wie lange noch? Wann knallt es, wann läuft das Faß über? Tschetschenien ist nicht lange her und gar nicht so weit weg ... |
| Gerade lese ich Ljudmila Ulitzkajas Roman "Ein fröhliches Begräbnis", der unter russischen Emigranten in New York spielt. Er endet mit einem kurzen Zwiegespräch nach einer Beerdigung. "Nein", berichtet eine der Frauen, auf Äußerungen des Toten zurückkommend, "wenn dort Ordnung reinkommt, dann wird das ein anderes Land." "Darum", antwortet die zweite, "mach dir mal keine Sorgen, Ordnung wird dort nie reinkommen." Aber vielleicht, muß ich denken, besteht gerade darin sogar eine gewisse Chance - womöglich die einzige. |
| Werner Jung |
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