| Warum ist Claus Peymann 1986 nach Wien gegangen und warum muß man im Bochumer Schauspielhaus so oft zittern, ob man den letzten Bus noch erreicht? Diese beiden Fragen scheint auf den ersten Blick nichts zu verbinden. Und doch - sie haben eine gemeinsame Wurzel, und diese steckt tief in der Bochumer Stadtgeschichte. Ihr Name heißt: Clemens Erlemann. Üblicherweise - und das Wiener Burgtheater gibt dafür ein fast provokantes Beispiel - haben Theater eine repräsentative Schauseite und protzen nachgerade mit ihren Eingangshallen, Treppen, Foyers und Wandelgängen. Und dagegen Bochum! Das Schauspielhaus kehrt dem Besucher seine schmalste Seite zu, das Kassenfoyer ist eng wie ein Luftschutzkeller, das Foyer ein Witz, und über die Garderobe redet man lieber erst gar nicht. Der Architekt (Gerhard Graubner) hat eine Menge Tricks verwandt, um das Beste aus dem Mangel zu machen: Er hat die Fassade durch eine konkave Wölbung geweitet und ihr durch das Aufbiegen aus der Fluchtlinie etwas Ansehnlichkeit verliehen; die fünf haushohen "Säulen", die ein Gebälk tragen, verleihen ihr den Anstrich von Luxus, ein paar flache Stufen vor dem Eingang und die Seitenpodeste suggerieren Würde. Um überhaupt Raum dafür zu finden, hat der Erbauer die Wandelhalle in den ersten Stock gehievt. Welche Enge! Und sie wäre noch bedrängender, wenn nicht im letzten Krieg vor dem Gebäude ein wenig Platz frei gebombt worden wäre. | |
| Boom Town im Wilden Westen |
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| Der Grund für solche Bescheidenheit ist ein sehr schnöder, und er heißt: Bauspekulation. Zwar stammt das jetzige Schauspielhaus erst aus dem Jahre 1953, aber es ist auf den Grundlinien eines älteren errichtet, das 1915 seinerseits im Gemäuer eines Vorgängers erbaut wurde, das aus dem Jahre 1908 stammte. Da war Bochum eine Boom Town im wilden Goldenen Westen des Reichs. 1870 hatte Bochum 21.000 Einwohner, im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts waren es über 100.000! Was Wunder, daß Bauland knapp wurde. Für den "höheren Bedarf" hatte man zunächst am Stadtpark gebaut, dort wurde es mittlerweile eng, und man sah Bochums Zukunft im Süden. Dort dehnte sich zwischen der Trasse der Bergisch-Märkischen Eisenbahn und der Wasserstraße der sog. Rechener Busch, ein mit Niederwald bewachsenes Gelände. Es gehörte mitsamt der (heute verschwundenen Wasserburg Haus Rechen) dem Rittmeister v. Schell. Hier plante der Bauunternehmer Erlemann, ein ganz neues Stadtviertel im gehobenen Geschmack seiner Zeit zu errichten, das Ehrenfeld. Das Gelände wurde erworben, parzelliert und aufgeschlossen: eine Prachtallee, die Königsallee, wurde angelegt, der Südpark projektiert, zwei großzügige Grundstücke für Kirchenbauten gestiftet, eine Tramlinie gebaut. Dennoch florierte das Projekt zunächst nicht recht, und Erlemann kam auf die Idee, dem "Neuen Süden" mit einer weiteren Attraktion Glanz und Ansehen zu verleihen: mit dem, was man damals ein Spezialitätentheater nannte. Dafür stellte er nun ein Gelände zur Verfügung. |
| Aber Großmut kennt Grenzen! Erlemann verfiel auf ein spitzwinkliges Gelände, welches das Haus Rechen zwischen Königsallee und Fürstenstraße (heute Saladin-Schmitt-Straße) ließ und für das er keine Verwendung hatte. Das Theater mußte sich den Gegebenheiten des Grundstücks anpassen, und da seine technischen Anlagen Platz verlangten, verlegte man den Publikumsbereich in die Spitze des Grundstücks! |
| Wer sich also über die vermeintliche Bochumer Bescheidenheit wundert oder über die enge Garderobe ärgert, der mag an Clemens Erlemann denken und an die Bochumer Bauspekulation um 1908. |
| Uwe-K. Ketelsen |
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