| Mündliche Abschlußprüfungen stellen an Studierende und Prüfer besondere Anforderungen. Die Regeln der Hochschule verlangen ein spezifisches Rollenverhalten, das widersprüchlich ist zu den übrigen Erfahrungen an der Universität. Dies ist ein zentrales Ergebnis der gerade als Buch erschienen Dissertation "Der Prüfer ist nicht der König" von Dr. Dorothee Meer (Betreuung: Prof. Dr. Wolfgang Boettcher, Germanistisches Institut). Damit liegt erstmals eine empirische Studie der mündlichen Prüfungssituation vor, die deren Abhängigkeiten und Krisen beleuchtet. | | Zwischen 1991 und '95 hat Dr. Meer 20 Prüfungen in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern aufgenommen. Ausgangspunkt der Studie ist Machtbegriff; Machtverhältnisse sind demnach kein einfacher Mechanismus aus Macht und Unterdrückung. Vielmehr werden die Handlungen der "Mächtigen" durch ihre institutionelle Position vorstrukturiert. |
| Für Hochschulen heißt das: In Anwesenheit weiterer Kollegen können sich Prüfende nur anhand überzeugender Leistungen ihrer Kandidaten als "gute" Lehrende präsentieren. Diese Gegenabhängigkeit wirkt sich auf das Gesprächsverhalten aus. So üben sich Hierarchiehöhere zumeist in Zurückhaltung und demonstrativem Wohlwollen, während Prüfungskandidaten unaufgefordert aktiv werden sollen. Das jedoch widerspricht ihrem Verhalten im Hochschulalltag, wo Dozenten im Mittelpunkt von Veranstaltungen stehen und Studierende oft unbeobachtet in der Masse untergehen: Studierende begeben sich also in eine unbekannte Situation - Krisen sind vorprogrammiert. Unter dem Druck der Benotung und der Gegenabhängigkeit der Prüfer von den Leistungen ihrer Kandidaten können sie kaum ohne Imageverletzungen beider Beteiligten bewältigt werden. Daraus leitet Meer konkrete Vorschläge ab: Krisen sollen möglichst von vornherein vermieden werden. Dabei hilft eine bessere Betreuung Studierender bereits im Studium, um neben den fachlichen auch die interaktionellen Anforderungen der Prüfungssituation zu vermitteln. Zudem entwirft Meer konkrete kommunikative Strategien für beide Seiten: Krisen lassen sich z. B. verhindern, wenn Prüfende ihr eigenes Wissen nur dort einsetzen, wo es unbedingt notwendig ist, wenn sie Eigeninitiativen der Kandidaten unterstützen und konfrontative Passagen im Gespräch mit kooperativen abwechseln. Bei offensichtlichen Wissensdefiziten der Kandidaten ist eine Senkung der Anforderungen oder eine Verlagerung des Gesprächsfokus hilfreich. |
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| Dr. Dorothee Meer: "Der Prüfer ist nicht der König - Mündliche Abschlußprüfungen in der Hochschule", Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1998, DM 108. |
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