| Der Jura- und Französischstudentin Manon verhieß die Zukunft als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes eine erfolgversprechende Karriere. Die frühe Erblindung als Jugendliche hatte sie längst ins alltägliche Leben integriert, die Schicksalsprüfungen während des lang ersehnten Amerikaaufenthaltes überwunden, wo sie an einer einjährigen Informatik- und Fremdsprachenausbildung an der "Sugar Hill School for the Blind" in Chicago teilgenommen hatte. Dann der Rückfall. | | |
| Gehirnwäsche |
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| Spannend aufgebaut und mittels verschiedener Erzählrahmen arbeitet sich die Autorin zielsicher zum Höhepunkt des Geschehens, dem plötzlichen Autounfall, vor. Der Frontalzusammenstoß gröhlender Jugendlicher mit dem Auto des Gastvaters Feynman bedeutet die Rettung Manons, die dadurch endlich nach langer Zeit zum ersten Mal von ihm getrennt wird. Der Mann, auch pädagogischer Berater von "Sugar Hill", hatte nämlich die Gasttochter monatelang und unbemerkt einer Gehirnwäsche unterzogen, ihr während der Telefonate mit der Mutter die deutsche Sprache verboten, die Freunde schlecht gemacht, überfallmäßige Besuche während des Unterrichts gestartet und daheim die Mahlzeiten wie Dressurhäppchen vorgesetzt. Nicht genug solcher Unterwerfung, raubte er der Blinden die Orientierung, entfernte von ihrem Zimmer Schloß und Klinke und begann, sie sadistisch zu foltern. |
| Trotz aller inhaltlichen Brutalität und ernüchternd autoaggressiver Rückschläge gerade dann, als man denkt, daß Manon endlich wieder übern Berg ist, ermöglicht die fesselnde Art der autobiographischen Erzählung, den Weg der Qualen schrittweise nachzuvollziehen. Dies ist ein Buch, das man oft wütend und mit tiefem Atemzug zur Seite legt, weil über das Geschehen so einfach hinwegzulesen manchmal unerträglich ist. Seine Stärken liegen aber im Humor und den erzählerischen Qualitäten der Autorin, die anschaulich entwickelt, wie die Elemente von Ehrgeiz, Anpassungsdruck, den strengen Regeln der Schule, Schuld, Scham und Versagensängsten ein System schmieden, das solche Verbrechen begünstigt. Dabei vermeidet der Erlebnisaufbau eine sterile psychologische Selbstbespiegelung und vermittelt so eher Hoffnung, daß Betroffene wie Manon ähnliche Heilung wie sie finden können. Ganz positiv: Manon hat erfolgreich gekämpft - gegen den Verbrecher und die Phalanx der deutschen und amerikanischen Schulbürokratie. Feynman wurde in Amerika zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. |
| tas |
| Manon Liedermann: Die Dunkelheit, die niemand kennt. Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 1998. 237 S., TB, DM 12,90. |
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